Inhalt

 

Raus aus dem Bunker und rein ins Vergnügen

Schwarze Schafe und ein Lamm

Vollversammlung am Brandenburger Tor

Der einsame Mann und die Würmer

 

Raus aus dem Bunker
und rein ins Vergnügen

 

In Ninas Gesicht zeigte sich eine amüsante Mischung aus Ekel und Neugier. Sie zählte jeden Fleischbissen, den ich in mich reinstopfte. Ihre Gesichtsfarbe wechselte von grün zu blass, dann zu rot und schließlich wieder zurück. Heute jedoch drehte sie sich nicht zum Kotzen weg. Saß mit einem wabbligen Birkenast auf der Bordsteinkante und stocherte in der Glut herum.

„Du auch?“ Ich hatte ein durchgebratenes Stück auf meinen Stock gespießt und hielt ihn ihr entgegen. Das flüchtige Würgen nahm ich zur Kenntnis, ehe sie vehement den Kopf schüttelte.

„Nein danke, John. Ich hasse Chihuahua.“

„War Schäferhund, Rotznase. Tretmühlen zahlen sich nicht aus.“

Nina starrte sekundenlang ins Feuer, bevor sie abrupt aufsprang und im verwelkten Blumenbeet verschwand. Achselzuckend knabberte ich seelenruhig weiter am Schenkelfleisch. Mehr für mich, umso besser. Zudem erinnerte mich das knisternde Feuer ein bisschen an die Zeiten mit Heini. War zwar kalt hier draußen auf der Straße, doch man hielt es aus, solange die Sonne schien. Allerdings bekam ich immer öfter das Gefühl, dass der Winter dieses Jahr früher kam. Die letzten Jahre mit Heini und den anderen Jungs waren schon hart gewesen. Der aber würde eine ganz eigene Nummer werden. Etwas Besonderes. Unser erstes Mal mit den schlurfenden Freaks, yeah.

„Wieso isst du das überhaupt?“ Nina holte eine Wasserflasche aus dem Rucksack, um sich den Mund auszuspülen. Seit einer Woche zogen wir jetzt durch Berlin; nach einigen Tagen hatte sie aufs Siezen geschissen und du, John draus gemacht. War mir nur recht und ergab mehr Sinn, als die verschrobenen Höflichkeiten, die niemand mehr interessierten.

„Weil Dosenbohnen nicht satt machen.“

„Und warum konnten wir dann vorhin nicht einfach eingewecktes Fleisch mitnehmen?“, bemerkte Nina und stopfte einen Müsliriegel in sich rein. Sie schmatzte zufrieden und dachte wohl, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. „Manche Sorten schmecken lecker. Gestern hatte ich Gulasch.“

Ich grunzte, während ich das zähe Fleisch zerkaute. „Dose bleibt Dose. Ich brauche was Richtiges zwischen den Zähnen und keinen vorgekauten Mist.“

„Oh toll, aber deswegen muss man nicht sofort auf Hunde losgehen! Wie du ihn angelockt und erwürgt hast, und dann hast du ihn wie ein Kaninchen …“

„… geschlachtet?“, half ich nach, weil ihr offenbar das passende Wort fehlte. „Selbst schuld, wenn du zusiehst.“

Nina brodelte. Das tat sie in letzter Zeit häufig. Sophie hatte damals auch diese besonderen Momente gehabt, die über Tage gehen konnten. Einmal im Monat war sie noch unausstehlicher als üblich gewesen. Bei Sophie keine einfache Leistung, und auch aus Nina machte es ein zickiges, kleines Biest.

„Und was tust du, falls der Hund krank war? In Berlin gibt es Tausende herrenlose Streuner.“

„Der hatte eine Marke“, fiel mir ein. „Stand Mäuschen drauf. Wer seinen Köter Mäuschen nennt, wird ihn sicher gegen jede Seuche geimpft haben.“

Nina glotzte mich schnaubend an. Um nicht zu grinsen, schmiss ich ihr die gegarte Brust zu: extra schmal geschnitten, damit es sie an Hühnchen erinnerte. Ich hatte es filetiert wie den protzigen Vorbau eines fetten Truthahns. Wenn man sich drauf einließ, schmeckte es gar nicht so verschieden.

Nina holte tief Luft, packte das Fleisch und warf es wütend über unsere mühsam aufgebaute Barrikade aus Mülltonnen, Einkaufswagen und Absperrgitter. Die darüber bugsierten, müffelnden Decken aus Altkleidercontainern versperrten uns die Sicht, weil es von Vorteil war, die Kadaver beim Essen nicht als gaffende Zuschauer dabei zu haben. Es reduzierte Ninas Kotzerei um zwei Drittel. Darum hörten wir lediglich, wie die Brust auf den Boden klatschte; genauso das Fauchen, das auf dem Fuße folgte. Zwar leise, aber ausreichend, einem die Mahlzeit zu versauen.

„Schade um Micky“, brummte ich in mich hinein und schmiss die Knochen ins Feuer.

„Mäuschen!“, zischte Nina. Sie kam auf die Beine und griff nach ihrer nagelneuen Armbrust. Bevor sie losstapfte, warf sie mir einen tödlichen Blick zu, stieg auf eine Papiermülltonne und hantierte an der Waffe herum. Sah noch etwas ungeschickt aus, aber immerhin bekam sie die Armbrust gespannt. Erst vorgestern hatten wir sie in dem Trümmerhaufen eines Waffengeschäfts gefunden, und dafür stellte sie sich nicht allzu dämlich an.

„Wie viele sind es?“

Nina zählte und hielt die freie Hand hoch.

„Fünf“, rief sie und lehnte sich gegen den Bauzaun, der trotz ihres Federgewichts nach vorn schwang.

„Pass auf, Mann!“

„Ja, schon gut.“

Nina schenkte ihre Aufmerksamkeit dem, was hinter unserer Barrikade geschah. Sie musste einen Kadaver ins Visier gefasst haben, denn nach kurzem Zögern ließ sie den ersten Pfeil los, holte einen zweiten heraus und fingerte ihn in die Schiene. Dann schoss sie erneut.

„Ich mach mich echt gut, John. Zweimal geschossen, zweimal getroffen.“

Während ich meine Sachen zusammenklaubte und das Feuer löschte, verschoss Nina noch etliche Pfeile. Ich schnappte mir unsere Rucksäcke und kletterte ebenfalls auf die Papiertonne. Abschätzend schaute ich über den Zaun, derweil die Möchtegernschützin ihre Armbrust sicherte und sich über die Schulter warf.

„Dir brauchst viel mehr Übung. Auf die Art kommst du nicht weit.“

Von den fünf Bastarden lag bloß einer am Boden, und das nur, weil ihm schon vorher der untere Teil seines Beines gefehlt hatte. Ein Pfeil steckte zwar im Rücken, doch den ignorierte er munter. Den anderen erging es nicht schlechter; ungehindert gingen sie ihrer Wege.

Ich drückte den Bauzaun nach vorn, bis er polternd umfiel und auf den Kadaver krachte, der die Hundebrust verputzt hatte. Er riss sein vollgestopftes Maul auf, dass die Stückchen wieder herausfielen. Mit einer Hand krallte er sich im Gitter fest, das ihn auf den Asphalt quetschte. Mit Schwung sprang ich drauf und hörte das Knacken der Knochen. Bevor er den Arm zwischen die Streben streckte, stieß ich ihm Ninas Pfeil durchs Ohr.

„Wenn dein Pfeil sie nicht tötet, ist es ein vergeudeter Pfeil.“ Ich zog den Pfeil raus und gab ihn Nina in die Hand. „Sammel sie ein.“

„Einsammeln? Ich hab fünfzig Stück mitgenommen. Im nächsten Geschäft …“

„… ist vielleicht nichts mehr zu holen. So oder so, irgendwann geht jeder Vorrat zur Neige. Lieber später als früher. Das gilt für alles, merk dir das. Sogar für ekelhafte Dosenbohnen.“

Nina stöhnte, aber nachdem ich mich um die Kadaver gekümmert hatte, tat sie es trotzdem und wischte die blutigen Pfeile an den Klamotten der Toten ab, bevor sie wieder im Köcher verschwanden. Danach folgte sie mir zum Wagen, mit dem wir seit zwei Tagen durch Berlin fuhren: die Straßen rauf und runter, immer auf der Suche nach Lebenszeichen. Echten Lebenszeichen, die sich entweder gut versteckten oder nicht existierten. Öfter war mir der Gedanke im Hirn herumgespukt, was mit uns passierte, sollten wir die letzten Überlebenden sein.

„Wohin geht’s heute?“, fragte Nina mit einer Spur Ironie, während sie sich auf den Beifahrersitz zwängte und die Armbrust keine Sekunde zur Seite legte. Ließ sie nicht aus den Augen, seit wir sie hatten. Als wäre es die alles entscheidende Waffe zur Errettung ihrer Seele. War weniger blutig, weniger nah. Wenn sie damit ihr Ziel traf und die Rotze in jede Richtung spritzte, stand sie meterweit entfernt und badete nicht im Blut und Gedärm der Kadaver. Für ein Mädel vielleicht die bessere Alternative. Trotzdem hatte ich ihr eingebläut, niemals auf ein Messer zu verzichten. Mochte eine schmutzige Angelegenheit sein, womöglich ihrer Seele schaden, weil sie zustechen und hinsehen musste, wenn das Hirn raus quoll. Konnte aber auch die letzte Instanz sein zwischen ihr und dem Tod.

Als ich im Wagen saß und den Motor startete, zuckte ich mit den Schultern. Fühlte mich nach den gestrigen Fehlgriffen ziemlich mutlos. Die Müdigkeit steckte mir in den Knochen und manchmal nickte ich einfach weg, um im nächsten Moment erschrocken aufzufahren. Schlief nie lange, nie fest. Ich ahnte, dass Nina insgeheim die Sicherheit des Bunkers vermisste, letztlich ging es mir genauso. Zumindest, wenn der Abend über Berlin hereinbrach, das Fauchen der Kadaver zunahm und die Stadt in ein Konzert der torkelnden Toten tauchte. Verbrachten die Nächte auf dem Wasser, doch keinem einzigen Versteck haftete etwas Verlässliches an. Die Blase, in die uns die Schutzräume getaucht hatten, war beim Abschied geplatzt.

„Weiß nicht“, knurrte ich vor mich hin. „Wir könnten nochmal zum Kanzleramt.“

Ich hörte Nina den schweren Kloß hinunterschlucken, weil sie darauf wahrscheinlich am wenigsten Lust hatte. Dem Kanzleramt hatten wir zuerst einen Besuch abgestattet, nachdem wir vor einer Woche aufgebrochen waren. Kamen an und lasen die aufgesprayte Warnung an der Bushaltestelle: Rennt weg! Sind trotzdem näher rangegangen, so nah, wie wir uns trauen konnten. Keine Ahnung, wie lange das Feuer dort gewütet oder wann es angefangen hatte, aber die Hitze zwang uns zur Umkehr. Vom Vorplatz war nicht mehr viel übrig gewesen, denn überall hatten die Trümmerteile eines Hubschraubers herumgelegen. Das Ganze hatte die grünen Rasenstreifen und versiegten Brunnenanlagen in eine wüste Steppe verwandelt. Eine Gebäudehälfte sah aus wie zerbombt und man konnte bis ins Drahtgeflecht der Etagen sehen. Der anderen Hälfte fehlten sämtliche Glasfenster, als wären sie von der Druckwelle rausgesprengt worden. Statt Touristen, hatten verrottende Kadaver auf den Betonklötzen gesessen, die sich köstlich über unser Erscheinen freuten. Drum waren wir weiter gezogen und hatten im halbwegs sicheren Botschaftsgebäude genächtigt. Halbwegs; musste das Wort der Woche sein. Die einzigen Orte, die für sie unerreichbar blieben, lagen auf dem Wasser. Jede weitere Nacht verbrachten wir seitdem auf der Spree. War zwar bitterkalt, aber immerhin überlebten wir ohne Zwischenfälle.

„Wir könnten doch auch wieder die Krankenhäuser abklappern.“ Nina holte aus dem Fußraum die Gelben Seiten hoch. Sie schlug das Branchenbuch auf und blätterte zu der markierten Stelle mit Berliner Ärzten und Virologen. Mit denen hatten wir uns die letzten Ausflüge um die Ohren geschlagen: Ärzte, Krankenhäuser, Institute. Ich hatte zuvor nie so viel von Berlin gesehen wie in den vergangenen sechs Tagen. Gab eigentlich nur einen Ort, den ich ausgelassen hatte, weil sich alles in mir sträubte, wenn ich drüber nachdachte.

Grunewald. Sophies Villa. Wollte es einfach nicht wissen.

„Ergibt auch keinen Sinn“, sagte ich und lenkte den Kleinwagen auf die Altonaer Straße.

„Zur Siegessäule?“, fragte Nina. „Da hat mich mein erster Freund geküsst.“ Sie kicherte, doch es klang hohl und wie aus dem Radio. „Ein einziges Mal bin ich oben gewesen. Aber nie wieder, das sage ich dir. Ich bin nicht schwindelfrei. Oder ist es das, was du vorhast? “

„Mir fällt im Moment nichts Besseres ein. Vielleicht kann man von dort aus mehr sehen. Du kannst so lange im Auto warten.“

„In dieser Kiste? Nie im Leben!“

„Dann musst du deine Höhenangst überwinden.“

„Ich glaube kaum …“ Ich sollte nicht mehr erfahren, was Nina dachte, weil sie ihren Satz unterbrach und aus dem Fenster glotzte. Ich fuhr ohnehin langsam, da das Durchkommen bei der Vielzahl an herumliegenden Wagen schwer zu meistern war. Im Rückspiegel sah ich schließlich, was sie erschreckte.

„Ein Löwe.“

„Ein Löwe? Gott, John! Fahr doch bitte schneller!“

„Der liegt im Schatten und hält ein Mittagsschläfchen. Der interessiert sich nicht für uns.“ Im Schritttempo wich ich einem ausgebrannten Ford aus, der mit der Motorhaube gegen einen Baum gedonnert war und dessen Kotflügel in beide Fahrtrichtungen herumlagen. Ein Polo reihte sich ein, ebenfalls quer zur Bahn, daneben schlurften die Kadaver und schwitzten in der Sonne. Der Löwe schenkte ihnen mehr Aufmerksamkeit als uns.

„Ob der aus dem Zoo ist?“

„Woher sonst?“ Ich war versucht, anzuhalten und ihn ein Weilchen zu beobachten. Nina aber drängte mich weiter.

„Willst du Löwen jetzt auch auf die Speisekarte setzen?“

„Nein, ich wollte nur sehen, ob das Fußvolk Interesse an ihm zeigt. Oder andersrum.“

„Sieht nicht so aus. Lass uns bloß nicht stehen bleiben. Wenn der gegen diesen Wagen springt, kippen wir um. Das Auto kann kaum schneller sein als er. Zumindest möchte ich es nicht herausfinden.“

Ich lenkte auf den Fahrradweg, um an dem ganzen Schrott vorbeizukommen. Nina konnte über unseren Mietwagen meckern, solange sie Lust hatte; nur der Smart schaffte es durch die gestauten Straßen. Bisschen eng vielleicht für einen ausgewachsenen Mann, der die Taschen randvoll mit Munition und Messern hatte, aber ersparte uns immerhin stundenlanges Laufen.

„Ich bin dafür, dass wir aus der Gegend verschwinden. Wie kommen die Löwen überhaupt aus ihren Käfigen?“

„Keine Ahnung. Da fragst du den Falschen. Doch wenn es der hier geschafft hat, schaffen es bestimmt auch andere.“

„Ist das ein Zeichen, dass noch mehr überlebt haben? Oder glaubst du, die Zombiezoowärter wollten sich durchbeißen, weil sie hungrig wurden? Bäh, der Gedanke ist abartig!“

Ich zog die Stirn kraus, während ich zur näherkommenden Siegessäule sah. Ineinander gekeilte Autos, die nicht aus dem Kreisverkehr gekommen waren, versperrten uns den Weg hinein und hinaus. Darum lenkte ich den Wagen zurück, um mit ihm notfalls wieder zu entkommen. Den Schlüssel zog ich aus der Zündung.

„Dann mal los.“

Nina stieg aus und legte einen Pfeil in die Armbrust. Um den großen Stern schlurften gerade einmal vier Kadaver. Im Sonnenlicht leuchteten sie uns entgegen wie graue, ausgedörrte Fleischklumpen. Nach zwei Wochen hatte sich mehr an ihnen verändert, als uns lieb war. Oftmals trafen wir auf solche, an denen die Kleidung nicht halten wollte und die in ihrer verwesenden Nacktheit auf uns zu krochen: verfaulte Glieder, manche bis aufs Stumpenende abgefressen, als hätten sie sich in der Gier gegenseitig angeknabbert.

„Sie müssen doch ein unterirdisches Nest haben.“ Nina sprach aus, was wir seit unserer Reise dachten. Tagsüber konnten höchstens ein paar Dutzend unterwegs sein, abends aber krabbelten sie aus den Löchern und überschwemmten die Straßen zu gefühlten Tausenden. Es war nicht mehr wie am ersten Tag; am Tag des Ausbruchs, als wir mit dem Wagen durch Dallgow-Döberitz mussten. Da hatten sie uns ignoriert, solange wir im Innern geblieben waren. Jetzt schien es, als könnten sie durch Metall riechen, durch Beton und Stahl. Wo wir uns auch verschanzten, sie kamen und drängten vor den verschlossenen Türen wie bei Essensausgaben von Obdachlosenvereinen. Torkelten erst wieder fort, wenn die Nacht vorüberging, zumeist pünktlich, als besäßen sie eine innere Uhr. Manche waren wahrscheinlich dümmer als andere, blieben länger und fielen der Langsamkeit bei Tagesanbruch zum Opfer. Ein wolkenreicher Himmel änderte nichts dran; anhaltender Regen schon. Es dauerte seine Zeit, doch dann erwachten sie aus der Starre und rannten im Nassen wie tänzelnde Schamanen zur melodischen Fanfare ihrer knurrenden Gesänge.

„Ich wette drauf, dass sie in der Kanalisation Unterschlüpfe haben.“

Nina sah mich fragend an. „Kannst du keine Bomben bauen, die wir unter der Stadt verteilen?“

„Wie kommst du auf den Mist?“

Sie spannte die Armbrust und visierte den Kadaver an, der am nächsten war und uns seine schnüffelnde Nase entgegen reckte. Sabbernd kam er auf uns zu. Tapsend, weil er es eilig hatte, aber nicht schneller vorankam. Das ungeduldige Mädel ließ den Pfeil auf ihn niedersausen, verfehlte ihn um einige Zentimeter und traf stattdessen den roten Granitsockel der Siegessäule. Der Pfeil prallte klirrend ab und landete im Dreck.

„Mann!“ Verärgert fingerte sie nervös einen zweiten Pfeil in die Schiene und blickte flüchtig zu mir. „Ich weiß nichts über dich. Du erzählst nie von dir, deswegen muss ich mir was zusammenreimen. Ich würde tippen, dass du eine Bombe basteln kannst. Du hast so ein Gesicht.“

„Red keinen Stuss.“ Ich zog ein Messer, doch meine Hände hielten in der Bewegung inne. Mochte wegen dem sein, was Nina glaubte, obwohl mich nie interessiert hatte, was andere dachten. Besser gesagt: früher, als es noch andere gab. Machte es einen Unterschied, weil sich die Welt verändert hatte? Machte es einen Unterschied, was das Mädel von mir hielt, das mit mir gegen diesen Irrsinn kämpfte?

„Kann keine Bomben bauen“, brummte ich. „Selbst wenn, bringt deine Idee nur Probleme. Jagen wir die gesamte Kanalisation in die Luft – was zu zweit nicht machbar ist – gäbe es danach kein Berlin mehr.“

„Wäre doch egal“, erwiderte Nina schlicht und nahm mutlos die Armbrust runter. „Ich meine, es gibt doch scheinbar nur uns und die Zombies. Hier kann sowieso niemand mehr leben.“

„Dass wir niemanden gefunden haben, heißt gar nichts. Außerhalb der Stadt sieht es vielleicht ganz anders aus. Vielleicht …“

„Vielleicht was?“

Ich verzog das Gesicht. „Vielleicht gibt es noch welche, die wie du denken. Die ihre Bomben abwerfen, um ein Ausbreiten zu verhindern oder um die Hurensöhne einzudämmen. Vielleicht passiert das in gar nicht allzu ferner Zukunft. Immerhin haben sie Bomben über Wustermark abgeworfen.“

„Das kann ich mir kaum vorstellen. Es wäre doch längst geschehen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Wart‘s ab. Wenn es soweit ist, sind wir hautnah dabei. Danach sind wir ohnehin Brei.“

„Wir könnten abhauen.“ Nina legte die Armbrust an und zielte erneut. Konnte sehen, wie sie tief einatmete, wie sie die Luft anhielt. „Raus aus Berlin. Wie es aussieht, wollten alle von hier verschwinden. Wir holen nur die anderen und dann …“

„Was dann? Uns bis zur nächsten Stadt vorkämpfen? Oder bis zur Übernächsten? Nach Norden? Süden?“

„Du gehst davon aus, ganz Deutschland könnte es erwischt haben?“

Nina schloss die Augen. Nur für eine Sekunde: sie holte wieder Luft, atmete aus und schoss. Traf in den Schädel ihres Zombies und grinste breit.

„Glaubst du es, John?“ Sie verkniff sich die Freude über den Sieg; ihren ersten echten Treffer mit der Armbrust. „Sag es!“

„Ich glaube, dass weit mehr betroffen ist als Deutschland. Und dass wir nicht aufgepasst haben.“

„Aufgepasst? Worauf?“

Ich hob die Hand und zeigte zur Straße des 17. Juni. Zur Hauptverkehrsader, die zum Brandenburger Tor führte. „Auf sie.“

Nina drehte sich um, schielte am Sockel vorbei und erblasste. Wir hatten sie nicht gehört; hatten sie nicht kommen sehen, weil wir auf die Kadaver konzentriert gewesen waren.

Nun kamen sie näher. Vorsichtig und langsam. Es waren Menschen.

Lebendige Menschen.

Inhalt

 

Raus aus dem Bunker und rein ins Vergnügen

Schwarze Schafe und ein Lamm

Vollversammlung am Brandenburger Tor

Der einsame Mann und die Würmer

Lieber Leser, Liebe Leserin


 

Raus aus dem Bunker
und rein ins Vergnügen

 

In Ninas Gesicht zeigte sich eine amüsante Mischung aus Ekel und Neugier. Sie zählte jeden Fleischbissen, den ich in mich reinstopfte. Ihre Gesichtsfarbe wechselte von grün zu blass, dann zu rot und schließlich wieder zurück. Heute jedoch drehte sie sich nicht zum Kotzen weg. Saß mit einem wabbligen Birkenast auf der Bordsteinkante und stocherte in der Glut herum.

„Du auch?“ Ich hatte ein durchgebratenes Stück auf meinen Stock gespießt und hielt ihn ihr entgegen. Das flüchtige Würgen nahm ich zur Kenntnis, ehe sie vehement den Kopf schüttelte.

„Nein danke, John. Ich hasse Chihuahua.“

„War Schäferhund, Rotznase. Tretmühlen zahlen sich nicht aus.“

Nina starrte sekundenlang ins Feuer, bevor sie abrupt aufsprang und im verwelkten Blumenbeet verschwand. Achselzuckend knabberte ich seelenruhig weiter am Schenkelfleisch. Mehr für mich, umso besser. Zudem erinnerte mich das knisternde Feuer ein bisschen an die Zeiten mit Heini. War zwar kalt hier draußen auf der Straße, doch man hielt es aus, solange die Sonne schien. Allerdings bekam ich immer öfter das Gefühl, dass der Winter dieses Jahr früher kam. Die letzten Jahre mit Heini und den anderen Jungs waren schon hart gewesen. Der aber würde eine ganz eigene Nummer werden. Etwas Besonderes. Unser erstes Mal mit den schlurfenden Freaks, yeah.

„Wieso isst du das überhaupt?“ Nina holte eine Wasserflasche aus dem Rucksack, um sich den Mund auszuspülen. Seit einer Woche zogen wir jetzt durch Berlin; nach einigen Tagen hatte sie aufs Siezen geschissen und du, John draus gemacht. War mir nur recht und ergab mehr Sinn, als die verschrobenen Höflichkeiten, die niemand mehr interessierten.

„Weil Dosenbohnen nicht satt machen.“

„Und warum konnten wir dann vorhin nicht einfach eingewecktes Fleisch mitnehmen?“, bemerkte Nina und stopfte einen Müsliriegel in sich rein. Sie schmatzte zufrieden und dachte wohl, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. „Manche Sorten schmecken lecker. Gestern hatte ich Gulasch.“

Ich grunzte, während ich das zähe Fleisch zerkaute. „Dose bleibt Dose. Ich brauche was Richtiges zwischen den Zähnen und keinen vorgekauten Mist.“

„Oh toll, aber deswegen muss man nicht sofort auf Hunde losgehen! Wie du ihn angelockt und erwürgt hast, und dann hast du ihn wie ein Kaninchen …“

„… geschlachtet?“, half ich nach, weil ihr offenbar das passende Wort fehlte. „Selbst schuld, wenn du zusiehst.“

Nina brodelte. Das tat sie in letzter Zeit häufig. Sophie hatte damals auch diese besonderen Momente gehabt, die über Tage gehen konnten. Einmal im Monat war sie noch unausstehlicher als üblich gewesen. Bei Sophie keine einfache Leistung, und auch aus Nina machte es ein zickiges, kleines Biest.

„Und was tust du, falls der Hund krank war? In Berlin gibt es Tausende herrenlose Streuner.“

„Der hatte eine Marke“, fiel mir ein. „Stand Mäuschen drauf. Wer seinen Köter Mäuschen nennt, wird ihn sicher gegen jede Seuche geimpft haben.“

Nina glotzte mich schnaubend an. Um nicht zu grinsen, schmiss ich ihr die gegarte Brust zu: extra schmal geschnitten, damit es sie an Hühnchen erinnerte. Ich hatte es filetiert wie den protzigen Vorbau eines fetten Truthahns. Wenn man sich drauf einließ, schmeckte es gar nicht so verschieden.

Nina holte tief Luft, packte das Fleisch und warf es wütend über unsere mühsam aufgebaute Barrikade aus Mülltonnen, Einkaufswagen und Absperrgitter. Die darüber bugsierten, müffelnden Decken aus Altkleidercontainern versperrten uns die Sicht, weil es von Vorteil war, die Kadaver beim Essen nicht als gaffende Zuschauer dabei zu haben. Es reduzierte Ninas Kotzerei um zwei Drittel. Darum hörten wir lediglich, wie die Brust auf den Boden klatschte; genauso das Fauchen, das auf dem Fuße folgte. Zwar leise, aber ausreichend, einem die Mahlzeit zu versauen.

„Schade um Micky“, brummte ich in mich hinein und schmiss die Knochen ins Feuer.

„Mäuschen!“, zischte Nina. Sie kam auf die Beine und griff nach ihrer nagelneuen Armbrust. Bevor sie losstapfte, warf sie mir einen tödlichen Blick zu, stieg auf eine Papiermülltonne und hantierte an der Waffe herum. Sah noch etwas ungeschickt aus, aber immerhin bekam sie die Armbrust gespannt. Erst vorgestern hatten wir sie in dem Trümmerhaufen eines Waffengeschäfts gefunden, und dafür stellte sie sich nicht allzu dämlich an.

„Wie viele sind es?“

Nina zählte und hielt die freie Hand hoch.

„Fünf“, rief sie und lehnte sich gegen den Bauzaun, der trotz ihres Federgewichts nach vorn schwang.

„Pass auf, Mann!“

„Ja, schon gut.“

Nina schenkte ihre Aufmerksamkeit dem, was hinter unserer Barrikade geschah. Sie musste einen Kadaver ins Visier gefasst haben, denn nach kurzem Zögern ließ sie den ersten Pfeil los, holte einen zweiten heraus und fingerte ihn in die Schiene. Dann schoss sie erneut.

„Ich mach mich echt gut, John. Zweimal geschossen, zweimal getroffen.“

Während ich meine Sachen zusammenklaubte und das Feuer löschte, verschoss Nina noch etliche Pfeile. Ich schnappte mir unsere Rucksäcke und kletterte ebenfalls auf die Papiertonne. Abschätzend schaute ich über den Zaun, derweil die Möchtegernschützin ihre Armbrust sicherte und sich über die Schulter warf.

„Dir brauchst viel mehr Übung. Auf die Art kommst du nicht weit.“

Von den fünf Bastarden lag bloß einer am Boden, und das nur, weil ihm schon vorher der untere Teil seines Beines gefehlt hatte. Ein Pfeil steckte zwar im Rücken, doch den ignorierte er munter. Den anderen erging es nicht schlechter; ungehindert gingen sie ihrer Wege.

Ich drückte den Bauzaun nach vorn, bis er polternd umfiel und auf den Kadaver krachte, der die Hundebrust verputzt hatte. Er riss sein vollgestopftes Maul auf, dass die Stückchen wieder herausfielen. Mit einer Hand krallte er sich im Gitter fest, das ihn auf den Asphalt quetschte. Mit Schwung sprang ich drauf und hörte das Knacken der Knochen. Bevor er den Arm zwischen die Streben streckte, stieß ich ihm Ninas Pfeil durchs Ohr.

„Wenn dein Pfeil sie nicht tötet, ist es ein vergeudeter Pfeil.“ Ich zog den Pfeil raus und gab ihn Nina in die Hand. „Sammel sie ein.“

„Einsammeln? Ich hab fünfzig Stück mitgenommen. Im nächsten Geschäft …“

„… ist vielleicht nichts mehr zu holen. So oder so, irgendwann geht jeder Vorrat zur Neige. Lieber später als früher. Das gilt für alles, merk dir das. Sogar für ekelhafte Dosenbohnen.“

Nina stöhnte, aber nachdem ich mich um die Kadaver gekümmert hatte, tat sie es trotzdem und wischte die blutigen Pfeile an den Klamotten der Toten ab, bevor sie wieder im Köcher verschwanden. Danach folgte sie mir zum Wagen, mit dem wir seit zwei Tagen durch Berlin fuhren: die Straßen rauf und runter, immer auf der Suche nach Lebenszeichen. Echten Lebenszeichen, die sich entweder gut versteckten oder nicht existierten. Öfter war mir der Gedanke im Hirn herumgespukt, was mit uns passierte, sollten wir die letzten Überlebenden sein.

„Wohin geht’s heute?“, fragte Nina mit einer Spur Ironie, während sie sich auf den Beifahrersitz zwängte und die Armbrust keine Sekunde zur Seite legte. Ließ sie nicht aus den Augen, seit wir sie hatten. Als wäre es die alles entscheidende Waffe zur Errettung ihrer Seele. War weniger blutig, weniger nah. Wenn sie damit ihr Ziel traf und die Rotze in jede Richtung spritzte, stand sie meterweit entfernt und badete nicht im Blut und Gedärm der Kadaver. Für ein Mädel vielleicht die bessere Alternative. Trotzdem hatte ich ihr eingebläut, niemals auf ein Messer zu verzichten. Mochte eine schmutzige Angelegenheit sein, womöglich ihrer Seele schaden, weil sie zustechen und hinsehen musste, wenn das Hirn raus quoll. Konnte aber auch die letzte Instanz sein zwischen ihr und dem Tod.

Als ich im Wagen saß und den Motor startete, zuckte ich mit den Schultern. Fühlte mich nach den gestrigen Fehlgriffen ziemlich mutlos. Die Müdigkeit steckte mir in den Knochen und manchmal nickte ich einfach weg, um im nächsten Moment erschrocken aufzufahren. Schlief nie lange, nie fest. Ich ahnte, dass Nina insgeheim die Sicherheit des Bunkers vermisste, letztlich ging es mir genauso. Zumindest, wenn der Abend über Berlin hereinbrach, das Fauchen der Kadaver zunahm und die Stadt in ein Konzert der torkelnden Toten tauchte. Verbrachten die Nächte auf dem Wasser, doch keinem einzigen Versteck haftete etwas Verlässliches an. Die Blase, in die uns die Schutzräume getaucht hatten, war beim Abschied geplatzt.

„Weiß nicht“, knurrte ich vor mich hin. „Wir könnten nochmal zum Kanzleramt.“

Ich hörte Nina den schweren Kloß hinunterschlucken, weil sie darauf wahrscheinlich am wenigsten Lust hatte. Dem Kanzleramt hatten wir zuerst einen Besuch abgestattet, nachdem wir vor einer Woche aufgebrochen waren. Kamen an und lasen die aufgesprayte Warnung an der Bushaltestelle: Rennt weg! Sind trotzdem näher rangegangen, so nah, wie wir uns trauen konnten. Keine Ahnung, wie lange das Feuer dort gewütet oder wann es angefangen hatte, aber die Hitze zwang uns zur Umkehr. Vom Vorplatz war nicht mehr viel übrig gewesen, denn überall hatten die Trümmerteile eines Hubschraubers herumgelegen. Das Ganze hatte die grünen Rasenstreifen und versiegten Brunnenanlagen in eine wüste Steppe verwandelt. Eine Gebäudehälfte sah aus wie zerbombt und man konnte bis ins Drahtgeflecht der Etagen sehen. Der anderen Hälfte fehlten sämtliche Glasfenster, als wären sie von der Druckwelle rausgesprengt worden. Statt Touristen, hatten verrottende Kadaver auf den Betonklötzen gesessen, die sich köstlich über unser Erscheinen freuten. Drum waren wir weiter gezogen und hatten im halbwegs sicheren Botschaftsgebäude genächtigt. Halbwegs; musste das Wort der Woche sein. Die einzigen Orte, die für sie unerreichbar blieben, lagen auf dem Wasser. Jede weitere Nacht verbrachten wir seitdem auf der Spree. War zwar bitterkalt, aber immerhin überlebten wir ohne Zwischenfälle.

„Wir könnten doch auch wieder die Krankenhäuser abklappern.“ Nina holte aus dem Fußraum die Gelben Seiten hoch. Sie schlug das Branchenbuch auf und blätterte zu der markierten Stelle mit Berliner Ärzten und Virologen. Mit denen hatten wir uns die letzten Ausflüge um die Ohren geschlagen: Ärzte, Krankenhäuser, Institute. Ich hatte zuvor nie so viel von Berlin gesehen wie in den vergangenen sechs Tagen. Gab eigentlich nur einen Ort, den ich ausgelassen hatte, weil sich alles in mir sträubte, wenn ich drüber nachdachte.

Grunewald. Sophies Villa. Wollte es einfach nicht wissen.

„Ergibt auch keinen Sinn“, sagte ich und lenkte den Kleinwagen auf die Altonaer Straße.

„Zur Siegessäule?“, fragte Nina. „Da hat mich mein erster Freund geküsst.“ Sie kicherte, doch es klang hohl und wie aus dem Radio. „Ein einziges Mal bin ich oben gewesen. Aber nie wieder, das sage ich dir. Ich bin nicht schwindelfrei. Oder ist es das, was du vorhast? “

„Mir fällt im Moment nichts Besseres ein. Vielleicht kann man von dort aus mehr sehen. Du kannst so lange im Auto warten.“

„In dieser Kiste? Nie im Leben!“

„Dann musst du deine Höhenangst überwinden.“

„Ich glaube kaum …“ Ich sollte nicht mehr erfahren, was Nina dachte, weil sie ihren Satz unterbrach und aus dem Fenster glotzte. Ich fuhr ohnehin langsam, da das Durchkommen bei der Vielzahl an herumliegenden Wagen schwer zu meistern war. Im Rückspiegel sah ich schließlich, was sie erschreckte.

„Ein Löwe.“

„Ein Löwe? Gott, John! Fahr doch bitte schneller!“

„Der liegt im Schatten und hält ein Mittagsschläfchen. Der interessiert sich nicht für uns.“ Im Schritttempo wich ich einem ausgebrannten Ford aus, der mit der Motorhaube gegen einen Baum gedonnert war und dessen Kotflügel in beide Fahrtrichtungen herumlagen. Ein Polo reihte sich ein, ebenfalls quer zur Bahn, daneben schlurften die Kadaver und schwitzten in der Sonne. Der Löwe schenkte ihnen mehr Aufmerksamkeit als uns.

„Ob der aus dem Zoo ist?“

„Woher sonst?“ Ich war versucht, anzuhalten und ihn ein Weilchen zu beobachten. Nina aber drängte mich weiter.

„Willst du Löwen jetzt auch auf die Speisekarte setzen?“

„Nein, ich wollte nur sehen, ob das Fußvolk Interesse an ihm zeigt. Oder andersrum.“

„Sieht nicht so aus. Lass uns bloß nicht stehen bleiben. Wenn der gegen diesen Wagen springt, kippen wir um. Das Auto kann kaum schneller sein als er. Zumindest möchte ich es nicht herausfinden.“

Ich lenkte auf den Fahrradweg, um an dem ganzen Schrott vorbeizukommen. Nina konnte über unseren Mietwagen meckern, solange sie Lust hatte; nur der Smart schaffte es durch die gestauten Straßen. Bisschen eng vielleicht für einen ausgewachsenen Mann, der die Taschen randvoll mit Munition und Messern hatte, aber ersparte uns immerhin stundenlanges Laufen.

„Ich bin dafür, dass wir aus der Gegend verschwinden. Wie kommen die Löwen überhaupt aus ihren Käfigen?“

„Keine Ahnung. Da fragst du den Falschen. Doch wenn es der hier geschafft hat, schaffen es bestimmt auch andere.“

„Ist das ein Zeichen, dass noch mehr überlebt haben? Oder glaubst du, die Zombiezoowärter wollten sich durchbeißen, weil sie hungrig wurden? Bäh, der Gedanke ist abartig!“

Ich zog die Stirn kraus, während ich zur näherkommenden Siegessäule sah. Ineinander gekeilte Autos, die nicht aus dem Kreisverkehr gekommen waren, versperrten uns den Weg hinein und hinaus. Darum lenkte ich den Wagen zurück, um mit ihm notfalls wieder zu entkommen. Den Schlüssel zog ich aus der Zündung.

„Dann mal los.“

Nina stieg aus und legte einen Pfeil in die Armbrust. Um den großen Stern schlurften gerade einmal vier Kadaver. Im Sonnenlicht leuchteten sie uns entgegen wie graue, ausgedörrte Fleischklumpen. Nach zwei Wochen hatte sich mehr an ihnen verändert, als uns lieb war. Oftmals trafen wir auf solche, an denen die Kleidung nicht halten wollte und die in ihrer verwesenden Nacktheit auf uns zu krochen: verfaulte Glieder, manche bis aufs Stumpenende abgefressen, als hätten sie sich in der Gier gegenseitig angeknabbert.

„Sie müssen doch ein unterirdisches Nest haben.“ Nina sprach aus, was wir seit unserer Reise dachten. Tagsüber konnten höchstens ein paar Dutzend unterwegs sein, abends aber krabbelten sie aus den Löchern und überschwemmten die Straßen zu gefühlten Tausenden. Es war nicht mehr wie am ersten Tag; am Tag des Ausbruchs, als wir mit dem Wagen durch Dallgow-Döberitz mussten. Da hatten sie uns ignoriert, solange wir im Innern geblieben waren. Jetzt schien es, als könnten sie durch Metall riechen, durch Beton und Stahl. Wo wir uns auch verschanzten, sie kamen und drängten vor den verschlossenen Türen wie bei Essensausgaben von Obdachlosenvereinen. Torkelten erst wieder fort, wenn die Nacht vorüberging, zumeist pünktlich, als besäßen sie eine innere Uhr. Manche waren wahrscheinlich dümmer als andere, blieben länger und fielen der Langsamkeit bei Tagesanbruch zum Opfer. Ein wolkenreicher Himmel änderte nichts dran; anhaltender Regen schon. Es dauerte seine Zeit, doch dann erwachten sie aus der Starre und rannten im Nassen wie tänzelnde Schamanen zur melodischen Fanfare ihrer knurrenden Gesänge.

„Ich wette drauf, dass sie in der Kanalisation Unterschlüpfe haben.“

Nina sah mich fragend an. „Kannst du keine Bomben bauen, die wir unter der Stadt verteilen?“

„Wie kommst du auf den Mist?“

Sie spannte die Armbrust und visierte den Kadaver an, der am nächsten war und uns seine schnüffelnde Nase entgegen reckte. Sabbernd kam er auf uns zu. Tapsend, weil er es eilig hatte, aber nicht schneller vorankam. Das ungeduldige Mädel ließ den Pfeil auf ihn niedersausen, verfehlte ihn um einige Zentimeter und traf stattdessen den roten Granitsockel der Siegessäule. Der Pfeil prallte klirrend ab und landete im Dreck.

„Mann!“ Verärgert fingerte sie nervös einen zweiten Pfeil in die Schiene und blickte flüchtig zu mir. „Ich weiß nichts über dich. Du erzählst nie von dir, deswegen muss ich mir was zusammenreimen. Ich würde tippen, dass du eine Bombe basteln kannst. Du hast so ein Gesicht.“

„Red keinen Stuss.“ Ich zog ein Messer, doch meine Hände hielten in der Bewegung inne. Mochte wegen dem sein, was Nina glaubte, obwohl mich nie interessiert hatte, was andere dachten. Besser gesagt: früher, als es noch andere gab. Machte es einen Unterschied, weil sich die Welt verändert hatte? Machte es einen Unterschied, was das Mädel von mir hielt, das mit mir gegen diesen Irrsinn kämpfte?

„Kann keine Bomben bauen“, brummte ich. „Selbst wenn, bringt deine Idee nur Probleme. Jagen wir die gesamte Kanalisation in die Luft – was zu zweit nicht machbar ist – gäbe es danach kein Berlin mehr.“

„Wäre doch egal“, erwiderte Nina schlicht und nahm mutlos die Armbrust runter. „Ich meine, es gibt doch scheinbar nur uns und die Zombies. Hier kann sowieso niemand mehr leben.“

„Dass wir niemanden gefunden haben, heißt gar nichts. Außerhalb der Stadt sieht es vielleicht ganz anders aus. Vielleicht …“

„Vielleicht was?“

Ich verzog das Gesicht. „Vielleicht gibt es noch welche, die wie du denken. Die ihre Bomben abwerfen, um ein Ausbreiten zu verhindern oder um die Hurensöhne einzudämmen. Vielleicht passiert das in gar nicht allzu ferner Zukunft. Immerhin haben sie Bomben über Wustermark abgeworfen.“

„Das kann ich mir kaum vorstellen. Es wäre doch längst geschehen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Wart‘s ab. Wenn es soweit ist, sind wir hautnah dabei. Danach sind wir ohnehin Brei.“

„Wir könnten abhauen.“ Nina legte die Armbrust an und zielte erneut. Konnte sehen, wie sie tief einatmete, wie sie die Luft anhielt. „Raus aus Berlin. Wie es aussieht, wollten alle von hier verschwinden. Wir holen nur die anderen und dann …“

„Was dann? Uns bis zur nächsten Stadt vorkämpfen? Oder bis zur Übernächsten? Nach Norden? Süden?“

„Du gehst davon aus, ganz Deutschland könnte es erwischt haben?“

Nina schloss die Augen. Nur für eine Sekunde: sie holte wieder Luft, atmete aus und schoss. Traf in den Schädel ihres Zombies und grinste breit.

„Glaubst du es, John?“ Sie verkniff sich die Freude über den Sieg; ihren ersten echten Treffer mit der Armbrust. „Sag es!“

„Ich glaube, dass weit mehr betroffen ist als Deutschland. Und dass wir nicht aufgepasst haben.“

„Aufgepasst? Worauf?“

Ich hob die Hand und zeigte zur Straße des 17. Juni. Zur Hauptverkehrsader, die zum Brandenburger Tor führte. „Auf sie.“

Nina drehte sich um, schielte am Sockel vorbei und erblasste. Wir hatten sie nicht gehört; hatten sie nicht kommen sehen, weil wir auf die Kadaver konzentriert gewesen waren.

Nun kamen sie näher. Vorsichtig und langsam. Es waren Menschen.

Lebendige Menschen.