INHALT

Der Wahnsinn im Bunker
Adé, du heile Welt

Drei Zähne zum Zeichen

Im Glanz der Demokratie
stirbt der stolze Schwan

Matschige Hirne kleben an der Wand

Das Lied vom Tod
und ein Abschied

 


 

 

Der Wahnsinn im Bunker
Adé, du heile Welt

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Wenn es etwas gab, auf das ich verzichten konnte, dann waren das Idioten. Idioten, die meinten, sie hätten es drauf. Die dachten, dass ihre Stunde gekommen sei, wenn alles aus dem Ruder lief. Solche, die sich schon vor zehn Jahren im Garten einen Keller gegraben hatten, in dem sie nachts ihre Do-it-yourself Ratgeber lasen, statt ihre Frauen zu vögeln. Schön und gut, wenn sie die hässlichen Weiber meiden wollten; schön und gut, wenn sie Epidemien und Apokalypsen und Endzeit Szenarien predigten, zumal man ihnen heute die Hand schütteln musste für diese treffende Voraussicht. Aber zum Teufel mit ihnen, wenn sie im Loch den Schnaps verboten.

Henning Scholz war so einer. Riefen ihn Henni und säuselten: Danke Henni, Bitte Henni, Toller Henni, Fick mich Henni. Wenn es nach mir ging, hätte ich ihm längst das Maul gestopft, weil aus dem mehr Sülze kam als aus einer Fleischerei. Dem Brechreiz-Henni ging es nur ums nackte Überleben, aber hätten sie mich gefragt, dann hätte ich ihnen was vom Krieg erzählt. Wenn wir nicht anfingen, die lebenden Kadaver abzuknallen, würde es bald mehr von ihnen geben als Ratten in der Kanalisation. Zum Geier, Mann, wenn das nicht schon der Fall war. Nach einer Woche Wildwuchs hatten sich die Bastarde gesammelt, dass statt zehn von ihnen, jetzt das Fünffache vorm Loch hockte. Als wir herkamen, hatten wir kaum die Barrikade gepackt: die Front, die das fauchende Pack gegen uns aufbot. Mittlerweile kam niemand mehr durch den Haupteingang; weder in die eine, noch in die andere Richtung. Dass uns aber irgendwann der Fraß ausgehen würde, interessierte Henning Scholz nicht. Erst mal abwarten, war seine Devise. Die Scheiße aussitzen. Wozu er dann aber die Dutzend Survivalguides neben der Essensausgabe verteilen ließ, konnte nicht mal Brechreiz-Henni erklären.

Ich saß in der Bunkerküche, als die gedämpften Sirenen und das rote Notlicht ansprangen. Little Horn saß zwei Tische weiter und ließ erschrocken die Gabel fallen, während Bert und Berta ihre Rollis schnappten und quietschend zur Tür fuhren. Little Horn hieß in Wahrheit Boris Horn, hatte aber schnell seinen neuen Spitznamen weg. Es mochte daran liegen, dass er kaum groß genug war, um an Bord eines Schiffes über die Reling zu spucken; es konnte aber auch deswegen sein, weil er den Bauchumfang von zwei schwangeren Kühen besaß. Ersteres passte recht gut, letzteres aber war witzig. Bert und Berta dagegen hießen tatsächlich so, kamen aus Schöneweide und waren für ihr Alter gar nicht so unbrauchbar, wie ihre krummen Körper vermuten ließen. Wenn ich überlegte, dass es das Rentnerehepaar mit Auto, Rollatoren und Krücken bis hierher nach Mitte geschafft hatte, wäre ihr Einsatz an vorderster Front gegen die Bastarde wahrscheinlich unser Ass im Ärmel.

„Hey, hey!“ Als Little Horn an mir vorbeilief, klopfte er mir auf die Schulter und blieb für eine Sekunde stehen. „Willst du hier sitzen bleiben? Hörst du nicht den Alarm?“

„Heute nicht“, schmatzte ich in meinen Teller, drehte die Nudeln auf meine Gabel und blätterte ungestört weiter in Hennis Überleben für Anfänger. Während die Sirenen weiter dröhnten, bewegte Little Horn seinen massigen Leib aus der Kantine. Als ich ihm nachschaute, sah ich, wie er den Kopf schüttelte und was vor sich hin brummte. Mir wurde jedes Mal übel, wenn ich ihn von hinten ansehen musste, weil sich seine pechschwarzen Haare im fetten Nacken ekelhaft kräuselten.

Ich legte die Gabel beiseite und versuchte, den Alarm zu ignorieren. Brechreiz-Henni nannte ihn das alltägliche Notfalltraining, aber eigentlich war es nur ein arschloses Herumrennen im Loch. Unser Überlebensexperte hatte nicht kapiert, dass der Notfall längst eingetroffen war, ob die Sirenen nun kreischten oder nicht. Genauso wie er nicht kapiert hatte, dass wir hier verrecken würden und es niemand draußen interessierte. Abgeschnitten vom Rest der Welt, wussten wir nicht, ob noch eine Regierung existierte, ob es andere Länder getroffen hatte oder ob außer uns überhaupt noch jemand lebte. Und das seit einer Woche; mich zumindest machte das genauso irre wie Hennings Saufverbot.

„John?“

Als ich Patricias Stimme zwischen dem Sirenensurren hörte, stopfte ich mir den Mund voll Nudeln. Kurze Zeit später saß sie mir gegenüber, verschränkte die Arme und musterte mich mit ihrer arroganten Beamtinnen-Miene.

„Die Übung gilt für sie wie für alle anderen! Gestern haben sie sich auch davor gedrückt. Und vorgestern. Haben sie überhaupt schon mal daran teilgenommen? Es ist nun mal wichtig im Notfall zu wissen, was zu tun ist.“

Natürlich, genau deswegen rennt ihr täglich durch die Gänge. Weil es hochkompliziert ist, in Hennings sichere Zone zu finden, um euch dann selbst wegzusperren.

Nein danke, nicht mit mir. Dann konnte ich auch genauso gut sitzen bleiben und auf das kriechende Ende warten.

Ich versuchte ihr meinen Standpunkt klarzumachen; mir fielen ein paar Nudeln aus dem Mund und Patricia verzog das Gesicht.

„Das ist widerlich, John, wissen sie das? Essen sie auf und dann kommen sie bitte hinterher!“

Ich nickte kauend und wartete, dass sie nach ihrem zwei Minuten Auftritt aus meiner Sicht verschwand. Als sie draußen war, widmete ich mich wieder dem Kapitel über essbare Pilze in Nordostchina, blieb aber nur kurz ungestört, weil Michael in die Bunkerküche schlenderte. Ein ständiges Kommen und Gehen; ein beschissener Tag wie jeder andere im Loch.

„He, John“, grüßte er und setzte sich mir gegenüber an den runden Kantinentisch, der aus einem illustrierten Buch von Arthus‘ Tafelrunde stammen konnte. Vierzehn Überlebende nahmen hier Platz, wenn sie sich während Hennings Lagebesprechungen aneinander kuschelten.

„Michael“, sagte ich ohne aufzublicken. Das musste ich auch nicht, um zu wissen, dass er mich mit seinen giftgrünen Augen anstierte. Es machte mich nervös, allein mit ihm hier zu sitzen, während die Sirenen schrien und niemand anderes mehr in diesem Teil des Bunkers war. Nicht, weil mir der Ex-Knasti Schiss machte, sondern weil es ganz danach stank, als würde er was wollen. Und wenn er damit zu mir kam, musste es eine üble Geschichte sein, denn bisher hatte ich mir nicht den besten Ruf zugelegt.

„Mann, John, ich hab’s satt hier rumzusitzen und den Idioten für Scholz zu spielen. Du nicht?“

Wow, der war direkt. Damit hatte er zumindest meine Aufmerksamkeit erregt. Ich klappte das Buch zu und sah ihm unvermittelt ins Gesicht.

„Ich spiele für niemand den Idioten, aber rede weiter. Auf was willst du hinaus? Henning wurde gewählt, du wirst also niemand so schnell dazu kriegen, seine Meinung zu überdenken.“ Oder dich zu wählen, Kahlkopf.

„Der hat aber keine Ahnung was wirklich abgeht und macht alle verrückt. Siehst du das nicht genauso?“

„Ich haue ab, wenn‘s mir nicht mehr passt. Fertig. Im Moment kann ich mich arrangieren.“

„Hast du mal gesehen, was noch im Lagerraum ist? Tim hat’s mir gesagt, und der hat die Inventur gemacht, der weiß Bescheid. Die Konserven reichen vielleicht für einen Monat und keinen Tag länger! Bis dahin ist Berlin doch auf seine Grundfeste niedergebrannt. Als ich vorgestern rausgesehen habe, hatte es wieder gelodert. Ich wette mit dir, dass der ganze Norden nur noch Asche und Staub ist!“

„Dann schlage Scholz vor, dass er dich mit ein paar Leuten rausschickt.“ Ich zuckte mit den Achseln. War ja nicht so, als hätte ich es dem Brechreiz-Henni nicht schon Hundertmal gesagt. Vielleicht kam er auf den Trichter, wenn Michael mit seinem kahlen Schädel und den breiten Oberarmen vor ihm stand und Druck machte. Hab Angst zu verhungern, brauch Essen. Witzige Szene, wenn man sie sich vorstellte. Gar nicht witzig würde es werden, wenn dieser Großstadtcowboy einen Tumult anzettelte. Hatte er schon mit anderen gesprochen? Möglicherweise mit dem jungen Brian, der immer bei ihm rumhing und sich gut als geklonter Zwilling von Michael machte.

Es war schon ein eigenwilliges Pack, das sich hier versammelt hatte. Die eine Hälfte von denen saß den ganzen Tag nur in den Ecken dieser unterirdischen Anlage und flennte sich die Augen aus dem Kopf, die andere wollte beweisen, was sie drauf hatte und traute sich trotzdem nicht weiter wie bis zum vergitterten Nebenausgang. Sobald die Kadaver aber ihre Arme durch die Zwischenräume streckten und sabberten und fauchten, da nahmen sie Reißaus und gesellten sich wimmernd zur ersten Hälfte.

Ninas Mutter war hier, das war was Gutes. Wir waren in Sicherheit, auf die ein oder andere Weise, und wenn nur für kurze Zeit. Das war auch was Gutes. Es gab eine Kantine mit abgebrühtem Fraß und Wasser, meterdicken Stahlbeton überm Kopf und verriegelte Türen aus noch mehr Beton. Das war gut. War alles nicht zu verachten.

Bloß zu denken, es würde auf Dauer klappen, war naiv.

  

 Der Bunker hatte einen Zugang zur Berliner U-Bahn, den die Jungs gleich zu Anfang verrammelt hatten. Wenn man runter zum Heizungskeller wollte, lief man dran vorbei und spürte den kalten Windzug an den Beinen. Ich hatte öfter Grund dort runterzugehen, weil sich hier die meisten Idioten gruselten und einen weiten Bogen drum herum machen. Mir nur recht, wenn ich meinen Schnaps in Ruhe genießen konnte. Gäbe es kein Alkoholverbot, hätte ich es in meiner Koje getan, die obere Etage eines Doppelstockbettes aus Metall, quietschenden Federn und ungeölten Verschraubungen.

Mein Lieblingsplatz war zwischen dem Frischlufthahn und den Rohren, die vom Lüftungssystem durch den halben Raum führten und bequemer waren als sie aussahen. Viermal am Tag kam jemand hier runter, um seinen Dienst an den Apparaten zu tun, von denen niemand wusste, wie lange sie noch aushielten. Mittlerweile hatte man es geschafft, die Bunkeranlage zu heizen und mit ausreichend gefilterter Luft zu versorgen, doch immer wieder fiel eins der sperrigen Geräte aus und musste neu kalibriert oder für eine Weile mit der Hand betrieben werden. Henning, der Dutzende Dokumentationen über den Betrieb intakter Bunkeranlagen gesehen hatte, wusste auch Dutzende Dinge darüber zu berichten – angefangen bei Funktionen bis Wartung und Inbetriebnahme. Verwunderlich, dass es trotzdem nicht lief wie geschmiert, und wir am zweiten Tag unseres Einbunkerns fast erstickt wären.

Henning wusste alles besser und wurde deswegen mit Wahlzetteln und Urne zum Boss gekürt. War der geborene Politiker: versprach Sicherheit, die es nicht gab – Rettung, die nicht kam – Lebensmittel, die wir nicht hatten. Er sagte nichts vom Terror einer toten Meute, nichts über Infizierung und die möglichen Konsequenzen, nichts über Strom, der irgendwann ausbleiben und Essen, das knapp werden würde. Henning wusste, was die Leute jetzt brauchten, nämlich eine gute Lüge alá Wir-überlebens-alle-wenn-wir-zusammenhalten. Und er tischte sie ihnen so heiß und dampfend auf, dass sie gar nicht widerstehen konnten und wie Verhungerte zulangten.

Mir war sein Theater egal, solange sie mich in Ruhe ließen. Mein Job war getan, als ich Nina, Patricia und Niklas hier abgeliefert hatte; hier, wo es trotz allem sicherer war als auf den Straßen Berlins. Ninas Zustand hatte sich gebessert, ihre Mutter war gefunden; Patricia konnte die Beamtin spielen und für Ordnung sorgen, und Niklas weiter feige sein oder sich nützlich machen.

Ich hatte den Heizungskeller betreten, als es langsam Abend wurde. Hinter dem Gitter eines Luftschachtes hatte ich meine Wodkapulle drapiert. Ich löste die vier kleinen Schrauben, holte sie raus und schraubte die Abdeckung wieder fest. Den ganzen Tag hatte ich mit freudiger Erwartung auf meinem Arsch gesessen und die Stunden gezählt, bis ich endlich meine Ruhe vor dem Pack hatte. Den Wodka hatte ich vorgestern im Funkraum gefunden, als ich mit dem Abhören der Kanäle dran gewesen war. Hatte dem Brechreiz-Henning den Gefallen getan und wurde mit der Flasche belohnt, die in einem der Schubfächer gelegen hatte, verdeckt von einem riesen Stapel nutzloser Papiere über Notstandsituationen. Als mich Brian ablösen wollte, war ihm die Pulle ins Auge gefallen und zusammen hatten wir auf unseren Notstand angestoßen; bis Brian so besoffen war, dass er durchdrehte und die halbe Inventur zerkloppte.

„Musste sich wohl mal abreagieren“, hatte ich dem Henning grinsend erklärt, weil der mit puterrotem Gesicht hereingekommen war und fluchte, dass einem die Ohren abfielen.

„Die Anlage hätte kaputt gehen können!“, hatte mich Henning darauf angeschrien. „Ihr Idioten habt unsere Chance riskiert, Hilfe zu rufen!“

„Funktioniert doch eh nicht“, hatte Brian gelallt und Henning damit den Rest gegeben. Wütend wurde eine Besprechung einberufen und kurzerhand Alkohol auf die Verbotsliste gesetzt, nebst Messer und Pistolen. Patricia, die ihre Aufgabe nur allzu ernst nahm, hatte sich ans Werk gemacht und die ganzen Flaschen eingesammelt, die noch aufzutreiben waren; Mitbringsel aus einem besseren Leben. Zusammen mit den Waffen lagen sie jetzt in dem Safe, zu dem nur Brechreiz-Henni einen Schlüssel besaß. Dummer Kerl, der keine Ahnung hatte, wie gefährlich es sein konnte, als einziger einen Schlüssel für etwas zu besitzen.

Während ich auf einem Leerrohr saß und vor mich hindöste, dachte ich darüber nach, dass mein Vorrat höchstens noch zwei Tage reichte. Wenn ich es genau nahm, passte mir eine kleine Revolte von Michael ganz gut in den Kram, weil sie damit enden würde, dass Henning den Schlüssel abgeben musste. Dumm wäre es nur, wenn Michael den Schnaps für sich behielt. Und bei Michael würde es darauf hinauslaufen. Dem zuckten schon seit Tagen die Lider, dass ich entweder auf einen Junkie oder Alkoholiker tippte. Ersteres brachte Dutzende Probleme, das zweite verringerte meine Chancen auf neuen Wodka. Es wäre eine Option, Michael den Schlüssel abzunehmen oder ihn gar nicht den Schlüssel in die Finger kriegen zu lassen. Doch weder die eine noch die andere Rechnung zahlte sich für mich aus.

Nach drei Schluck entspannter Bitterkeit hörte ich Schritte. Mürrisch ließ ich meine Flasche hinter den Rohren verschwinden und wartete auf die obligatorische Überprüfung der Gerätschaften. Von den beiden Männern, die mich hier unten schon erwischt hatten, hatte mich bisher keiner verpfiffen; vermutlich, weil sie insgeheim froh waren, wenn sie nicht alleine im Halbdunkeln werkeln mussten. Die ganze Bande war eine feige Truppe, und die, die es nicht waren, taugten zu nichts. Michael war ein nervöser Schläger und Brian ein Mitläufer, der allein nichts auf die Reihe brachte. Dem Rest des Clubs schlotterten andauernd die Knie, während sie „Henni hier“ und „Henni da“ stöhnten.

Der arme Kerl, der diesmal dran war, seinen Dienst im Keller zu tun, war Niklas. Die lange Pfeife hatte sich in den letzten zwei Tagen ständig rar gemacht, wenn wir uns in den Gängen über den Weg liefen. Kam mir ein bisschen komisch vor, weil er mir am Anfang unserer kleinen Reise ständig an den Fersen gehangen hatte, als wäre ich eine läufige Hündin. Nun hing er zunehmend alleine rum, was mir nur recht war. Oder mit Brian, was ich wiederrum seltsam fand, mich aber nichts anging. Zumindest war ich mir sicher, dass es nicht Patricias Bitte war, mich zu meiden, denn die dumme Kuh mied er kein Stück weniger.

Niklas sah mich nicht, als er die Treppe runterkam und an mir in seiner Hab-Acht-Stellung vorbeischlich. Ich saß recht günstig zwischen den Rohren, und weil ich mir einen Spaß draus machen wollte, die Heulsuse zu erschrecken, blieb ich noch eine Weile still, hob meine Flasche wieder auf und gönnte mir einen Tropfen Müßigkeit. Niklas lief derweil weiter bis zur Raummitte, blieb stehen und bückte sich.

Hoppla, was genau suchte der denn im Boden?

Ich rutschte auf meinem Arsch nach hinten und beugte mich vornüber, um mehr von dem erkennen zu können, was der Bengel dort tat. Aber egal was es war, mit der Bereitstellung dieser Maschinerie hatte es nichts zu tun. Die anderen Jungs waren weiter links zu Gange gewesen, dort, wo sich die Hähne befanden und die Rohre zusammenliefen. Niklas jedoch schabte auf dem Boden herum, sah sich kurz um und holte schließlich eine lose Betonplatte heraus. Starkes Kerlchen. Traute man ihm gar nicht zu.

Ich überlegte, seinem Treiben mit einer gehörigen Portion Schrecken aufzuwerten, als ich abermals Schritte hörte. Ich sah, wie sie Niklas ebenfalls zum Aufsehen bewogen, doch statt seine Heimlichtuerei zu verbergen, holte er etwas aus dem Boden heraus und setzte sich im Schneidersitz neben das freigelegte Loch.

„Niklas?“, zischte eine männliche Stimme vom Treppengeländer. Mir war sie wohl vertraut, und grinsend lehnte ich mich tiefer ins Dunkle. Ich war gespannt, was Michael und Niklas für Spielchen hier unten trieben, während die Welt über uns zu Grunde ging. Michael traute ich eigentlich alles zu; Niklas dagegen rein gar nichts. Falsch gedacht, John. Ich war überrascht.

„Ich bin hier“, rief Niklas und zottelte ein zweites Plastiktütchen aus dem ersten Plastiktütchen hervor. Es raschelte kurz, dann lief Michael, ohne Notiz zunehmen, an mir vorbei. Er hielt vor Niklas und riss ihm die kleinere Tüte aus der Hand.

„Bist du denn bescheuert? Du kannst das hier doch nicht rausholen! Wenn die uns erwischen, nehmen sie‘s dir gleich weg und werfen dich hochkant raus.“

„Hier ist aber keiner, also gib mir meine Sachen wieder!“

„Nichts da, Junge. Sei froh, dass ich mich überhaupt auf ein Tauschgeschäft eingelassen habe. Normalerweise hätte ich dich gleich verpfeifen sollen. Bist noch grün hinter den Ohren, was verstehst du schon davon?“

„Geht dich doch nichts an! Gib mit jetzt meine Tüte wieder!“ Niklas stand auf und langte danach, doch Michael, der Ex Sträfling, der wahrscheinlich das Zögern nicht gewohnt war, knallte Niklas einfach seine Faust in die Visage.

„Shit!“, quiekte Niklas, drückte sich die Hände auf Auge und Nase und fiel auf die Knie. „Verdammt, verdammt, verdammt!“

Oh, oh, Jungchen, dachte ich mit einem nervösen Zucken meiner rechten Hand. Da hast du dir die Falschen zum Dealen gesucht. Die falschen Leute, der falsche Ort, du Pfeife.

„Ich hoffe, das war dir eine Lehre, du halbe Portion. Hier, das wolltest du doch dafür. Kannst froh sein, dass ich es dir nicht ins Herz ramme!“ Klirrend schmiss Michael ein funkelndes Klappmesser auf den Boden.

Zuviel Theatralik, sagte ich mir. Der machte nicht ernst. Und fürs Verticken von Drogen geschah es Niklas nur recht, eine aufs Maul zu kriegen.

Ich sank zurück und entspannte mich. Mein Messer verschwand ungesehen in meiner Hosentasche; Niklas neues dagegen blitzte neben der kleinen Blutlache, die von seiner Nase kam.

„War nicht abgemacht, dass du alles kriegst …“, keuchte er, so gar nicht Mann, während er Blut spuckte und sich über den Mund wischte. „Die Hälfte war der Deal.“

„Ich nehme aber alles, oder hast du irgendwas einzuwenden? Jetzt wisch deine Pisse weg, damit niemand dahinter kommt. Sieht nämlich schlecht für dich aus, Niklas, wenn einer erfährt, was für eine durchtriebene Ratte du bist. Also immer schön das Maul halten, klar? Und tu dir mit deinem Messer nicht weh.“

Michael drückte sich ein schallendes Gelächter aus der Kehle. Während er an mir vorbeiging, überlegte ich, ihm eine kleine Lektion im Fairplay zu erteilen. Stattdessen wartete ich aber auf Niklas, dessen zornige Reaktion erst kam, als Michael schon die Treppe hoch und außer Sicht war.

„Wo willst du denn hin, Junge?“ Ich sprang behände aus meinem Versteck, als er an mir vorbeirauschen wollte – mit ausgeklapptem Messer und dem Gesicht eines wütenden Molochs. Erschrocken blieb er stehen und wollte so hektisch das Messer einklappen, dass er sich dabei in die Hand stach.

„Verdammt!“, quiekte er erneut und presste die Hand zwischen seine Beine.

„Na, cool sein ist nicht einfach, Niklas.“

„Halten sie die Klappe, John!“, keifte er mich mit seiner schmerzverzehrten Miene an. Er hielt sich die Hand, obwohl es auch schon wieder aus der Nase lief, und wollte gleichzeitig auch das Messer vom Boden aufsammeln. Ich kam ihm zuvor und ließ es in meine Tasche gleiten.

„Das ist mein Schweigegeld“, sagte ich, weil mich Niklas wie ein irres Tier anstierte. Woher dieser Zorn, fragte ich mich. Wann genau war aus dem Weichei Niklas der irre Niklas geworden, der Koks im Bunker versteckte?

„Vergessen sie’s!“, rief er jetzt und wollte in meine Hosentasche greifen; Hoppla, Junge, dachte ich. In wenigen Bewegungen packte ich ihn und befördere ihn auf den Boden. Dann drückte ich ihm mein Knie in die Kehle.

„Lass uns mal reden, Niklas. Von Mann zu Mann. Was hattest du eben vor? Wolltest du Michael nach und ihm dein schönes neues Messer in den Rücken jagen?“

Niklas keuchte unter meinem Gewicht und wollte mich mit seinen langen Fingern erwischen, doch ich lehnte mich nach vorn und grinste siegessicher.

„So wird das nichts, Niklas. Also nochmal: wolltest du Michael wirklich hinterherrennen und erstechen? Bist du so dumm?“

Er nickte wie ein Kerl, der keine Nerven mehr besaß. Aus seinen Augen kullerten Tränen.

„Glaubst du nicht, dass du den kürzeren gezogen hättest?“

„Na und!“, hustete Niklas. „Gehen sie – runter, John, verdammt!“

Ich tat ihm den Gefallen, zog ihn hoch und griff seinen Kragen. „Du hättest in jedem Fall den Kürzeren gezogen, Niklas! Du bist doch kein Idiot, was hast du mit der Scheiße gerade bezweckt?“

„Ich wollte eine Waffe“, blaffte Niklas zermürbt. „Ich wollte doch nur ein Messer, weil die uns alle weggenommen haben! Ich will aber nicht ohne Messer dastehen, wenn sie kommen! Und die kommen, so oder so. Da können die noch soviel ihre bekloppten Übungen machen! Das nützt doch im Ernstfall keinem was. Wir sind die letzten, Mann! Draußen gibt es niemand mehr, der uns retten wird! Wir verrecken und werden genauso wie sie!“

„Und da glaubst du, dass dich ein Messer retten wird? Die ganze Scheiße wegen einem lächerlichen Messer? Zum Geier, Junge, du kannst nicht mal damit umgehen!“

„Lassen sie mich zufrieden, okay? Kümmern sie sich um ihren eigenen Mist! Haben doch behauptet, sie würden ihre Schwester suchen, und jetzt hocken sie hier und saufen sich die Birne weg! Weil sie genau wissen, dass sie tot sind. Alle, die draußen waren!“

Mich durchzuckte der Drang, dem Jungen noch das andere Auge blau zu schlagen. Stattdessen zwang ich mich aber, ihn los zu lassen. Kraftlos sank er auf den Hintern und heulte Rotz und Wasser. Ich holte sein Messer heraus und warf es ihm vor die Füße.

„Werde erwachsen“, sagte ich eisig, weil er einen wunden Punkt getroffen hatte, der einem anderen mehr gekostet hätte als ein paar wütende Worte. Dann drehte ich mich um und ging. Niklas Schluchzen hörte ich aber noch eine lange, lange Weile.