INHALT

Eine Nachtfahrt, die ist lustig.
Diese Nachtfahrt ist nicht schön.

Ein Mann fällt zu Boden.
Und steht wieder auf.

Leben oder nicht leben?
Das ist eine gute Frage.

Willkommen in Berlin.
In der Hölle tanzen sie Samba.

 

Eine Nachtfahrt, die ist lustig.
Diese Nachtfahrt ist nicht schön.

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Ich hatte mir den Nachtzug ausgesucht, um meine Ruhe zu haben, doch es klopfte bereits zum dritten Mal an meinem Abteil. Diesmal streckte auch jemand seinen Kopf hinein: Es war ein lockiger Kopf, den ich im Halbdunkeln ausmachte und der mich gewaltig störte. 

»Ich will nichts kaufen, zieh Leine, Junge.« 

Ich kuschelte mich wieder unter meinen Parker und schloss die Augen. Draußen war es herbstlich kühl, genau wie die Fensterscheibe, an der meine Stirn klebte. Das tat furchtbar gut wegen der Schmerzen im Schädel, die mir die Sauferei verpasst hatte. So besoffen, wie ich letzte Nacht gewesen war, hatte ich noch ordentlichen Restalkohol intus. Heini hatte die Flasche aufgetrieben; eine verstaubte Wodkapulle, die gut und gerne noch aus dem Krieg hatte sein können. Heini war nicht der Typ, der gerne teilte, doch gestern hatte er eine Ausnahme gemacht. Ging ihm nicht gut, hatte er gefaselt. 

War eine ganz schöne Memme. Wenn die Nächte immer kühler wurden, ging es niemanden von unserer Bande gut, aber Heini packte gern eins drauf und spielte den alten Zausel, der über sein Rheuma klagte und bedient werden wollte. 

»Ich will Ihnen nichts verkaufen. Der Zug hat gehalten und der Strom geht nicht mehr. Berlin erreichen wir nicht pünktlich, oder?« 

»Woher soll ich das wissen? Ich habe geschlafen.« Mit pochenden Kopfschmerzen ließ ich mich gegen die Lehne meines Sitzes fallen, während ich mit der Hand nach dem Lichtschalter suchte. Mehrmals drückte ich auf den Knopf, doch das Licht ging nicht an. 

»Tatsächlich.« Ich seufzte genervt und angelte mir meine Wasserflasche aus dem Rucksack. »Ich habe es zur Kenntnis genommen, du kannst mich in Frieden lassen.« 

»Ich soll Ihnen außerdem sagen, dass Sie ihren Ausweis bereithalten müssen. Vorhin war der Schaffner bei mir und meinte, die Polizei käme hier gleich durch.« 

Das Hämmern in meinem Schädel wurde stärker. »Ausweiskontrollen? Wozu? Ich will doch nur nach Berlin.« 

»Keine Ahnung, finde ich auch komisch. Aber der hat das so gemeint, und weil er Sie nicht wach bekam, sollte ich es Ihnen sagen. Ich glaube, er hatte es eilig. Ach, und die Verbindungstüren gehen nicht. Und die zum Klo, falls Sie … « 

»Klappe, Mann. Warum haben wir angehalten?« 

»Probleme mit den Oberleitungen, glaube ich. Der Schaffner sagte, es würden in der Gegend demnächst keine Züge mehr fahren. Genaueres wüsste er nicht, und ehrlich gesagt, sah der auch nicht aus, als würde er überhaupt irgendwas wissen.«  

Das klang alles so nervig, dass ich mir am liebsten meinen Flachmann aus der Tasche geholt hätte. Ich wägte das Für und Wider ab, ließ es aber bleiben, damit Sophie mir nachher keine Szene machte. Weil ich aber dringend Geld benötigte, wäre es Mist, sie schon am Anfang ungnädig zu stimmen. Wahrscheinlich kaufte sie mir meine Gründe ohnehin nicht ab. Vielleicht doch einen kleinen Tropfen? Ich langte zum Rucksack, bemerkte aber die Lichter in der Ferne. 

»Wo genau sind wir? Zum Geier, das dort hinten ist doch Berlin.« 

»Das hat der nicht gesagt, aber wenn es Berlin ist und die Strecke wieder freigegeben wird, dann sind es doch bestimmt nur noch ein paar Minuten, denken Sie nicht?« 

»Wenn du es so eilig hast, lauf doch. Falls es wirklich Probleme mit den Oberleitungen sind und die ganzen Züge halten mussten, dann kannst du dir den Irrsinn nachher sicher vorstellen.« 

Ungeduldig holte ich mein Telefon raus und sah aufs Display: Es war längst Mitternacht. In zehn Minuten würde mich Sophie am Hauptbahnhof erwarten. Ich wählte ihre Nummer, damit sie Bescheid wusste. 

»Der hat gar nichts gesagt? Was kann so kurz vor der Stadt schiefgelaufen sein? Schicken die uns Busse oder sollen wir jetzt wie Idioten ausharren?« 

Der Junge zuckte mit den Schultern. Ich wartete aufs Klingelzeichen, doch stattdessen erklärte mir eine automatische Frauenstimme, der Anschluss sei vorübergehend nicht zu erreichen. Stöhnend juckte ich mir den Dreitagebart und holte meine Zigaretten aus dem Rucksack. 

»Sind die Türen nach draußen offen?« 

Jetzt nickte er. Bildete ich mir zumindest ein. Verfluchte Dunkelheit. 

»Wo gehen Sie hin?« 

»Rauchen.« 

»Aber der Schaffner sagte, wir sollen drinnen warten. Die Türen hat er nur für die Polizei aufgemacht, naja, und falls mal einer muss.« 

»Wenn keine Züge fahren, ist es nicht gefährlich. Und dem Schaffner kann es am Arsch vorbeigehen, was ich tue.« 

Ich quetschte mich an dem Plappermaul vorbei und betrat den dunklen Gang. Gähnend schlurfte ich am Fenster entlang und streckte meine müden Knochen. War mal wieder einer dieser Momente, in denen ich mich älter fühlte, als ich war. Sophie beklagte sich liebend gern darüber und zeterte in endloser Manier, weil ich mich in ihren stechend grünen Augen gehen ließ. Hatte doch was im Kopf, motzte sie immer. Warum nicht eine echte Ausbildung beginnen und von vorn anfangen? 

Sophie hatte schon damals Probleme mit dem gehabt, was tat. Heute war sie keinen Deut besser. Das Telefon hatte sie nur vorbeigebracht, damit sie mir dauernd auf die Nase binden konnte, wie verkorkst mein Leben war. Blöder Penner, schnauzte sie mich immer in ihrem scharfzüngigen Berliner Dialekt an. Hielt es für eine Beleidigung, diese herzensgute Seele von Schwester. Ich bezweifelte, dass sie irgendwann kapierte, dass die Wahrheit keine Kränkung war. 

Behände sprang ich aus dem Waggon. Der nasse Wind kroch mir sofort in den Nacken und jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Zudem drang mir ein Geruch in die Nase, der einen bitteren Geschmack im Hals hinterließ. Was mich aber wirklich störte, war der simple Fakt, dass sich hier niemand rumtrieb: Nicht ein einziger Scheinwerfer beleuchtete die Gleise und auch kein Schaffner rannte rauf und runter, um gaffende Leute ins Abteil zu kommandieren. Wenigstens den Wagen der Polizei hätte ich erwartet oder ihre aufdringlichen Stimmen, aber nichts? 

Bis auf die Lichter vom nächsten Kaff war die ganze Gegend in nächtlicher Stille versunken und nur durch den Vollmond konnte ich noch meine Hand vor Augen sehen. Wie es aussah, hatte der Zug dort gehalten, wo sich Fuchs und Hase die Pfoten reichten; das Einzige, das sich um uns herum befand, waren Bäume und Büsche in den Ausführungen, wie sie ein Mann zum Pinkeln brauchte: dicht beieinander und abseits der Straßen. 

Ich angelte mir aus meiner Hosentasche die Kippen und suchte vergebens nach dem Feuerzeug. Meine Finger fassten durch das klaffende Loch; der Grund meines Mangels an Stauraum. Möglich, dass so etwas für Sophie der Anstoß war, mir Geld zu pumpen. Immerhin, wie stand sie da, wenn ihr einziger Bruder nur eine Hose besaß? Spätestens, wenn sie mich in ihr feines Heim nach Grunewald brachte und den Gestank nicht mehr aus den Zimmern bekam, würde sie die Geldbörse öffnen. Zumindest musste ich darauf setzen. Zu verlieren hatte ich nicht viel. 

»Hoppla?« Ein wenig verdutzt hob ich meinen Kopf und blinzelte mir den Schlaf aus den Augen. Wenn ich mich nicht täuschte, war ich Zeuge, wie die Lichter der nahen Ortschaft flackerten. Oder es war gestern doch zu viel Kriegswodka; ich meine, eine komplette Stadt hat Stromprobleme? 

»Haben Sie das auch gesehen?« 

Der Junge stand jäh in der Tür und hängte seinen Kopf raus. Ungläubig starrte er mich an: seine Visage war im Mondlicht nicht schwer zu erkennen. Sein Gesicht passte zu seiner fiepigen Stimme; er war vielleicht sechszehn oder siebzehn und eine ziemliche Pfeife. Langes Gerippe, kein Fleisch. Erst recht keine Muskeln. Käme heute Nacht der Krieg nach Deutschland, dürfte einer wie der die Feldbetten im Lazarett aufklappen und Mullbinden auswaschen. Der Rückstoß einer G22 hätte ihm die Schulter ausgekugelt. 

»Was soll ich gesehen haben?«, tat ich ahnungslos. 

»Das Licht! Das ganze Licht war aus. Ich habe mich doch nicht verguckt? Ich meine, jetzt ist es ja wieder an, aber das Licht der ganzen Gegend da hinten?« 

»Wir haben auch keinen Strom. Ist vielleicht was Größeres durchgebrannt.« 

»Dann haben Sie es gesehen?« Er hangelte sich ungeschickt nach unten. Seine Stiefel knirschten auf dem Schotter; er stolperte, stellte sich zu mir und holte eine Schachtel Pall Mall raus. »Ich finde das unheimlich. Als wäre irgendwas im Gange.« 

»Im Gange? Du rauchst das falsche Zeug. Los, gib mir mal Feuer.« 

Er reichte es mir und ich zündete mir die Zigarette an. Das Rauchverbot im Zug und auf den Bahnhöfen ging einem auf die Nerven. Dem Teufel sei Dank, waren wir hier im Nirgendwo. 

Aus dem Waggon weiter vorn drang plötzlich eine Frauenstimme. Scheinbar hatte der Schaffner alle Türen geöffnet, denn es sprangen drei Jugendliche raus. Als sie uns sahen, winkten sie und kamen auf uns zu. 

»Hey. Das ist ein Mist, oder? Die suchen bestimmt jemanden, deswegen dürfen wir hier rumhocken. Von wegen Stromprobleme.« Das Mädchen des Teenietrios quetschte sich zwischen ihre Begleiter und schlotterte im dicken Steppmantel. Die Kapuze bis zur Stirn gezogen, wippte sie immer wieder von einem Bein aufs andere. Dann wandte sie sich dem rauchenden Jungen neben mir zu und grinste ihn breit an. »Lässt du mich mal ziehen?« 

»Redest du von den Bullen?«, fragte ich, während die Zigarette ihren Besitzer wechselte.  

Sie schüttelte den Kopf. Der Steppmantel raschelte. »Ach, die Polizisten standen nur rum und haben mit ein paar Leuten gequatscht. Ich kann mir nicht vorstellen, was die für einen Auftrag haben. Ich meine die von der Bundeswehr. Die haben Fragen gestellt und sich umgesehen. Bei Peter und Gordon haben sie sogar in die Ausweise geguckt und gefragt, wie sie sich fühlen. Wenn das mal nicht seltsam ist. Übrigens, ich heiße Nina.« Sie zwinkerte mir zu, während ihre beiden Freunde bloß die Hände hoben und aussahen, als würden sie gleich erfrieren. 

»Ich bin Niklas«, sagte die lange Pfeife. Auch er hob die Hand, und ich musste mich unwillkürlich fragen, ob das heute in Mode war. 

»Und du?«, wollte Nina von mir wissen. 

»John«, gab ich zurück und sah an den drei Jugendlichen vorbei. Ganz vorn beim Waggon des Lokführers hatte sich was bewegt. Vielleicht kam jetzt endlich Leben in die ganze Sache und wir könnten weiterfahren. Hatte ohnehin keine Lust, mich mit den ganzen Fahrgästen in Ersatzbusse zu quetschen. Obwohl, wenn ich an den Bahnhof in Hannover dachte: Viele Leute waren nicht zugestiegen und in meinem Waggon war nur das Plappermaul gewesen. Die Glücklichen, die die Strecke mit dem Auto zurücklegten.  

SeitenumbruchWar kein Geheimnis, dass Züge öfter als gelegentlich zu spät kamen. Nachts hatten darauf die wenigsten Lust.  

»Ist dort was?« Niklas folgte meinem Blick, doch ich schüttelte den Kopf. 

»Bin mir nicht sicher. Ist wieder verschwunden. Ich gehe mal nachsehen, vielleicht finde ich jemand, der Ahnung hat, wann es weitergeht.« 

Ich ließ die anderen stehen und lief an den Waggons vorbei, die einem auf den Bahnhöfen und wenn man es eilig hatte, immer kürzer vorkamen als hier im Dunklen. Unter meinen Füßen knirschte Splitt und der Gestank, den ich vorhin schon gerochen hatte, wurde beißender. Gut möglich, dass in der Nähe ein Schweinehof war. Jedenfalls roch es ekelhaft. 

Als ich den vordersten Waggon erreicht hatte, blieb ich einen Moment stehen und wunderte mich, dass weit und breit niemand zu Gange war. Dabei lauschte ich einige Sekunden und hielt Ausschau nach dem, den ich gesehen hatte. Doch es blieb ruhig und nichts regte sich. Ich hörte aber in weiter Ferne einen Hubschrauber, und es dauerte nicht lang, da zischte er über uns hinweg zur Hauptstadt. Ungewöhnlich schnell für einen zivilen Helikopter. 

Ich drehte mich um und beobachtete die Umrisse der Teenies. Statt zu ihnen zurückzugehen, stieg ich durch die offene Tür des ersten Waggons. 

Im Innern war es nicht viel wärmer als draußen, dafür umso lauter. Etliche Fahrgäste tuschelten miteinander, manche besaßen auch Taschenlampen und leuchteten mich an. 

»Ich suche den Lokführer«, sagte ich. »Hat den einer gesehen?« 

Ein fetter Fünfziger ließ den Lichtkegel seiner Lampe zu mir wandern. Ich musste mir die Hand vors Gesicht halten, ehe er bemerkte, dass er mich blendete. 

»Der ist vorhin mit den Polizisten hier lang«, sagte er laut, als würde er für alle sprechen.  

SeitenumbruchDa traf ihn der Lichtkegel und ein anderer Mann, schick in Hemd und Krawatte, schüttelte den Kopf. 

»Das war nicht der Lokführer. Das war einer von den Zugbegleitern. Der Lokführer ist schon ganz am Anfang mit einem Soldaten nach draußen gegangen.« 

Ich blickte über meine Schulter in die dunkle Fahrerkabine. Die Tür stand leicht vor, weil sie nur angelehnt war. »Kann mir mal jemand eine Taschenlampe leihen?« 

»Hier, bitte.« Der fette Fünfziger schleppte sich in den Gang und reichte mir seine. »Aber Sie wollen doch da nicht einfach rein, oder? Das ist sicher nicht erlaubt.« 

Ich gab ihm keine Antwort, sondern drehte mich um und ging aufs abgeschottete Abteil zu. Das Licht voraus, beleuchtete ich die Klinke. Hinter uns raschelte es, weil wohl einige der Gäste genug vom Sitzen hatten und allesamt neugierig in den Gang traten. Das laute Atmen des fetten Fünfzigers trieb mir den Ekel in die Kehle, geriet aber in den Hintergrund, weil ein weiterer Hubschrauber laut über unsere Köpfe hinwegschoss. 

»Schon der Vierte«, blies mir der Dicke ins Genick. Ich erschauerte. Die anderen beiden hatte ich wahrscheinlich verpennt. 

»Auch nach Berlin?«, fragte ich ihn. Derweil griff ich die Klinke und schob die Tür auf. Das Licht der Taschenlampe beleuchtete die Armaturen, aber vom Lokführer war nichts zu sehen. Seine Tasche stand neben dem Stuhl, vollgeschnaubte Taschentücher und ein angebissenes Sandwich lagen drauf. Über der Lehne hing ein schwarzes Jackett. War der ohne Jacke raus? 

»Jawohl. Wahrscheinlich so eine Botschaftergeschichte. Da fahren sie immer groß auf.« 

Ich sagte nichts dazu und widmete mich den Apparaturen. Alles abgestellt, überlegte ich, während ich das Licht der Taschenlampe durch den kleinen Raum schickte. Auf dem Boden fand ich ein Smartphone Marke Blackberry. Ich hob es auf und wählte kurzerhand Sophies Nummer. Der Dicke sah mich verdutzt an, aber bevor er klagen konnte, hielt ich es ihm ans Ohr. 

»Netz überlastet?«, riet er und gab in etwa wieder, was die automatisierte Stimme gesagt hatte. 

»Geht hier von irgendwem das Telefon?« Ich zwängte mich am Dicken vorbei und leuchtete über die Köpfe der Gäste hinweg. Die Einzige, die auf meine Frage hin nicht in der Tasche wühlte, war eine alte Frau mit knittrigem Gesicht. Sie saß neben dem Dicken, der sich nun wieder setzte und ebenfalls nach seinem Handy suchte. 

»Meins geht nicht.« 

»Anschluss nicht erreichbar.« 

»Bei mir auch, aber vor einer Stunde ging es auf jeden Fall.« 

Das Getuschel untereinander nahm zu, manche standen wieder auf und wedelten mit ihren Telefonen in der Luft herum, als könnte das irgendwas ändern. Mir wurde das Gedränge zu groß, deswegen machte ich kehrt und stieg wieder aus dem Zug. Die Taschenlampe behielt ich ein; wer wusste schon, wie nützlich sie mir noch werden könnte. 

 

Niklas und seine neuen Freunde standen nicht mehr draußen. Dafür kam mir aber eine Polizistin entgegen. Bis sie mich erkannte, hielt sie ihre Hand am Halfter. Sie sah aus, als wäre sie erleichtert, dass nur ich hier herumirrte. Ich verkniff mir die Frage, wen sie wohl wirklich suchte. 

»Sie dürfen den Zug nicht verlassen. Es ist gefährlich, sich auf den Gleisen aufzuhalten.« 

»Der Schaffner sagte, es würden keine Züge mehr fahren, weil es die Oberleitungen erwischt hat. Die Türen zum Klo lassen sich nicht öffnen und ich musste pissen. Was hätte ich denn sonst tun sollen?« 

Statt mir eine passable Antwort zu geben, die ich nur zu gern gehört hätte, leuchtete die Polizistin in die Büsche. So richtig wohl fühlte sie sich offensichtlich nicht, denn ihre Augen suchten hektisch jeden Winkel ab. Ich musste mich räuspern, damit sie damit aufhörte.  

SeitenumbruchWar mir ein wenig zu nervös mit ihrer Lampe, die freundliche Beamtin. 

»Ich hätte jetzt gerne eine Erklärung für das, was hier los ist. Der Lokführer ist abgehauen und wir wollten heute noch nach Berlin. Was hat der Mann gemacht? Im Dienst getrunken?« 

Mir fiel mein Flachmann ein, der unter meinen Habseligkeiten im Rucksack versauerte. Wenn die Geschichte hier noch länger dauerte, konnte ich ihn getrost herausholen. 

Die Polizistin hatte eindeutig größere Probleme. Ihre Anspannung war fast greifbar und immer und immer wieder sah sie sich um. Mir kam der Gedanke, dass sie eine getarnte Terroristin war; das Kichern meinerseits holte sie aber zurück in die Realität und professionell wie Beamtinnen eben waren, glotzte sie mich wütend an. Dass sie sich dann aber hastig abwandte, fand ich wieder merkwürdig. 

»Gehen Sie bitte rein. Wir informieren Sie in Ihrem Abteil.« 

»Wieso nicht hier?« Ich fand nicht, dass die Frage unbegründet war. Sie schon. 

»Gehen Sie bitte sofort wieder rein.« 

Sie machte eine eindeutige Geste, doch ich hatte das Gefühl, sie würde damit bloß etwas verstecken wollen; ihr Zittern nämlich, das ich trotz dicker, blauer Polizeijacke deutlich sehen konnte. Allerdings nicht vor Kälte, sondern aus Angst. Ich hatte es in ihren Augen erkannt, bevor sie sich von mir abgewandt hatte. In ihren Augen hatte etwas Hysterisches herausgestiert, das ich nur zugut von Sophie kannte.  

»Was läuft hier?« Ich verschränkte die Arme und straffte meine Schultern. Diese Tour hatte ich damals bei der Armee gelernt: Eindruck schinden und ausnutzen, was ich besaß. Stärke und Größe; Aggressivität. 

»Bitte gehen Sie rein. Sie werden informiert, wenn Sie in Ihrem Abteil sind!« Wie ein Song in der Schleife. 

SeitenumbruchDie Polizistin machte nicht nur einen ängstlichen, sondern auch einen ahnungslosen Eindruck. Sie schluckte merklich, als ich mich stur stellte, denn scheinbar wollte sie mit aller Macht von hier weg. 

»Bitte«, presste sie zwischen ihren Lippen hervor.  

Ihre Hand lag wieder am Halfter. 

Ich zuckte mit den Achseln. Stärke und Größe, und Erbarmen. In der Armee hatte ich gelernt, was Barmherzigkeit bedeuten konnte. Und was nicht. 

Ich ging an ihr vorbei und zog mich am Geländer hoch. Als sie mir folgte, reichte ich ihr die Hand zum Einsteigen. 

»Danke«, murmelte sie ohne mich anzusehen. Augenkontakt vermeiden war immer eine miese Sache. Es hieß, dass sie etwas verbarg und von sich glaubte, eine miserable Lügnerin zu sein. 

Mit der Taschenlampe lief ich voraus bis zu meinem Abteil. Dass ich erster Klasse fuhr, musste sie verwundern, weil sie mich abschätzend ansah. Wäre es heller gewesen, hätte ich vielleicht auch ihre gerümpfte Nase gesehen.  

»Falls ihr einen Bankräuber sucht, bin ich der Falsche. Die Fahrkarte hat meine Schwester bezahlt.« Banalitäten und Humor wirkten Wunder bei schlotternden Frauen, ob Polizistin oder nicht. Zumindest entlockte ich ihr ein Lächeln, das ich durch die Dunkelheit leider nur ungenügend auskosten durfte. »Sie sitzt übrigens am Bahnhof und wartet auf mich. Ich würde ihr nachher gerne sagen, warum.« 

Im Gesicht der Polizistin regte sich was. Die Fassade der professionell gespielten Beamtin bröckelte, kaum, dass ich ausgesprochen hatte. Ich musste ihr fast ins Gesicht leuchten, damit ich es genau sehen konnte. Aber sie hatte nicht nur meine Ungeduld strapaziert, sondern auch meinen Argwohn erregt. 

»Jetzt Klartext, was stimmt hier nicht? Meine Schwester wartet auf mich in Berlin. Was ist dort los? Geht dort irgendwas ab, das ich wissen sollte? Fliegen deswegen die ganzen Hubschrauber hin?« 

»Es wird gleich jemand kommen, der Sie informiert«, spulte sie wieder ihren Song ab. Vermutlich hatte ihr den ein Vorgesetzter ins Hirn geschissen. Aber nicht mit mir: Nicht, wenn es auch meine Familie betreffen könnte. 

»Raus damit!« 

Die Polizistin zuckte heftig zusammen, als hätte ich ihr eine geknallt. Dass sie bereits heulte, fiel mir zuerst gar nicht auf; doch mit einmal zog sie ihre Knarre. Sie zielte auf mich, während ihr Tränen übers gerötete Gesicht liefen. 

»Gehen Sie ins Abteil!«, sagte sie unbeherrscht. »Warten Sie dort, bis jemand kommt und Sie informiert! Gehen Sie rein, los!« 

Ich rührte mich nicht, hob aber meine Hände, damit sie sich meiner Lage bewusst war. 

»Hören Sie, bitte. Meine Schwester ist in Berlin. Was passiert dort? Ich tue nichts, ehrlich, und ich werde in mein Abteil gehen, aber ich muss wissen, was los ist. Ganz sicher warte ich nicht, bis irgendwann mal jemand auftaucht.« 

»Gehen Sie rein! Halten Sie die Klappe und gehen Sie rein!« 

Die ist noch nicht lange Polizistin, schoss es mir durch den Kopf. Oder sitzt nur im Büro und erledigt die Schreibarbeit. 

»Beruhigen Sie sich. Ich bin nicht Ihr Gegner. Sagen Sie mir, wer Ihr Gegner ist.« 

»Rein!« 

»Okay, okay.« Ich machte ein paar Schritte rückwärts, bis die Tür zwischen uns war. Die Polizistin dachte aber nicht daran, ihre Pistole runterzunehmen. Heulend zielte sie auf meine Brust. 

»Dann sagen Sie mir wenigstens, ob der Lokführer zurückkommt und wann wir weiterfahren.« 

»Gar nicht!«, keifte sie. »Gar nicht, kapiert? Niemand darf mehr nach Berlin, bis wir Nachricht erhalten!« 

Mein Herz machte einen schmerzhaften Satz. Ich musste schlucken. Zum Geier, die war verrückt. Die oder ich. 

»Warum sagen Sie das?«, fragte ich ruhig, obwohl ich mich beherrschen musste. Nicht mal zwei Meter trennten uns, und ich würde es riskieren, mir eine Kugel in die Mitte jagen zu lassen, sollte irgendwas Wahres an der Scheiße dran sein. 

»Weil es stimmt! Sie haben es über Funk gesagt. Und im Radio! In Berlin ist etwas!« Der Lauf der Pistole zitterte durch ihre schlotternden Hände, dass mir mulmig im Magen wurde. Die konnte mich glattweg abknallen, wenn ich nicht bald was unternahm. Ich brauchte eine andere Taktik. 

»Ich bin John, okay? John Meyn. Wie ist Ihr Name? Sagen Sie ihn mir.« 

Sie wimmerte und wischte sich mit dem linken Ärmel übers Gesicht. Mir trat der Schweiß auf die Stirn und lief brennend in die Augen. 

»Patricia Kocholskie.« 

Ich versuchte mich an einem Lächeln. »Vor was haben Sie Angst, Patricia? Sie können es mir sagen. Das tut gut, glauben Sie mir. Wir können uns Ihre Angst teilen. Was genau ist in Berlin, Patricia?« 

»Weiß ich nicht!«, schrie Patricia. »Ich weiß nicht, was die sind!« 

»Die? Meinen Sie Terroristen?« 

Patricia schüttelte ihren Pferdeschwanz, doch dann erregten Schritte von draußen ihre Aufmerksamkeit. Mein Abteil war nah der Tür; ich hörte die Schritte auch. Patricia hielt hörbar den Atem an, zielte weiterhin auf mich und blickte den Gang entlang. Mit ihrer Taschenlampe leuchtete sie hinein. 

»Wer ist da?«, rief sie und ging einen Schritt rückwärts. »Sagen Sie, wer Sie sind, oder ich schieße, sobald Sie einen Fuß ins Abteil setzen!« 

Das war mein Stichwort.  

SeitenumbruchDas und ihre geteilte Aufmerksamkeit. Ich schaltete meine Lampe aus und mit einem flinken Satz nach vorn packte ich ihre Arme und verpasste ihr mit dem Ellenbogen einen Schlag unters Kinn. Sie taumelte, drückte dabei ab und verlor die Taschenlampe, die ausging, kaum dass sie auf den Boden aufschlug.  

Von der Dunkelheit umhüllt, rang ich mit ihr um die Waffe, stieß sie gegen eine mannshohe Trennscheibe und knallte selbst gegen den Sicherungskasten. Benommen torkelte ich gegen die Tür meines Abteils und hörte einen verzerrten, krächzenden Laut. Erst dachte ich, es käme von Patricia, doch als ich nach ihr tastete, saß sie stocksteif auf dem Boden und wimmerte wie ein Baby. 

»Sie kommen her«, flüsterte sie mir plötzlich zu. »Sie sind schon hier.« 

Ich fingerte nach der Taschenlampe, während ich ihre Stirn nach Blut abtastete. Das Licht vom Mond reichte nicht aus, um genug zu erkennen. Nicht mal, um die Lampen zu finden. 

Plötzlich hörte ich nochmals das kehlige Krächzen, das mich ein bisschen an eine fauchende Katze erinnerte. Es war nicht im Waggon, aber näher als eben. Vielleicht auch direkt unter den Fenstern. Ich hätte es nicht genau sagen können, doch es machte mich noch nervöser. 

»Wen meinen Sie, Patricia? Kommen Sie, bleiben sie wach und reden Sie mit mir. Sagen Sie mir, wo Ihre Kollegen sind, dann hole ich Ihnen Hilfe.« 

Ich suchte noch immer nach der Taschenlampe. Da war sie, endlich! Als ich sie anschaltete, flackerte das Licht. Ich klopfte gegen das Batteriefach und hatte wieder einen kontinuierlichen Kegel, den ich nun durch den Gang wandern ließ. Alles war still. Fast zu still, fand ich, denn immerhin war eben erst ein Schuss losgegangen. Ich leuchtete in das Abteil neben meinem, doch die Tür stand halbgeöffnet und niemand war drin. Bei den anderen sah es genauso aus; der Waggon war menschenleer. 

»Wo sind die hin?« 

Hier stimmte was nicht, und zwar ganz gewaltig. Irgendeine krumme Nummer, die immense Ausmaße angenommen haben musste. Terroristische Anschläge vielleicht. Stand uns Krieg bevor oder war der Krieg schon im Gange? Zum Teufel, aber hätte mir das wirklich entgehen können? 

Ich strengte mein malträtiertes Hirn an und rief mir die Nachrichten der letzten Tage ins Gedächtnis. Da war nur der übliche Tratsch dabei gewesen, der gleiche Mist wie immer. Keine Rede vom Krieg oder von politischen Problemen, die uns von einem Tag zum nächsten in den Krieg geführt hätten. Schwachsinn, davon hätte die lokale Presse berichtet, irgendeinen Dreck rausgekramt und den in roten Lettern gedruckt. Das Einzige, was in letzter Zeit fett oben stand, war die neue Tierseuche, die aus dem Westen kam. War nicht meine Baustelle, also hatte es mich nicht gekümmert, aber sowas löste auch keinen Krieg aus.  

Über mir polterte es plötzlich, und aus Reflex ging ich in die Knie. Ich war lang genug bei der Bundeswehr gewesen, um zu wissen, dass es sich um einen Kampfjet handelte. Ich rannte den Gang zurück und glotzte aus dem Zug – boom – da kam der Nächste. Ein Dritter folgte. Es war so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt. 

»Ach … du … Scheiße …«, entfuhr es mir. Eine ganze Weile starrte ich ihnen nach, oder besser gesagt, dem, was ich für ihre Umrisse hielt. Dann donnerte es so gewaltig, als wären Dutzende Gewitter aufeinandergeprallt. Gleichzeitig aber wusste mein Hirn, was es wirklich war, weil ich es oft genug gehört hatte. 

»Was zum …« Einen winzigen Moment lang kam mir in den Sinn, dass ich träumte. Doch die Druckwelle, die dem Bombeneinschlag folgte, ließ den Zug vibrieren und mich gradewegs auf den Hintern fallen. Ich rappelte mich hoch, sprang aus dem Zug und schaute zum nächsten Kaff – nichts. Ich drehte mich um und sah es über den Dächern des Zuges; sah in das Meer aus Flammen. 

»Mein Gott!« 

Ich zuckte nicht mal zusammen, als Niklas Stimme plötzlich neben mir war. Wie hypnotisiert starrte ich auf den brennenden Horizont, unsicher, ob es nicht doch nur ein Traum war, und in Wahrheit saß ich noch immer in meinem Abteil und schlief den Rausch der letzten Nacht aus. 

»John?«, fragte Niklas neben mir. »John, ist das passiert? Ist das grade wirklich passiert?« 

Ihm ging es wie mir, doch zum Teufel: Zwei Idioten konnten nicht die gleiche Scheiße träumen. 

Ich brachte keine Antwort zustande, sondern glotzte auf den leuchtend roten Himmel, erhellt vom Feuer einer ganzen Gemeinde. 

»Dort ist doch nichts, oder?« Niklas Stimme klang wie das Quengeln eines Babys, und ich konnte es ihm nicht einmal verdenken. »Ich meine, das ist doch keine Stadt, wo es brennt! Ist doch daneben, oder?« 

Ich presste meinen Kiefer aufeinander und spürte das Zittern meines eigenen Körpers; ein Ziehen im Magen, einen Gestank in der Nase. Da war was, das wie Glas auseinanderriss und ein abscheuliches Echo in meinem Hirn hinterließ. Der herbstlich kühle Abend kam mir plötzlich vor wie der Vorsaal zur Hölle, die dort begann, wo es jetzt lichterloh brannte. 

»John? Sagen Sie es mir doch! Da ist nichts, stimmt‘s? Das war doch eine Übung, habe ich recht?« 

Ich musste den schweren Kloß hinunterschlucken, der wie abgestandenes Bier schmeckte. Bittere Galle, der bitteren Wahrheit gleich. 

»Denk mal nach, Niklas. Denk einfach mal nach, was da war …« 

Ich brachte es nicht über die Lippen. Ging einfach nicht. John Meyn, der sooft in den Krieg gezogen war, erstarrte, als der Krieg zu ihm kam. 

SeitenumbruchIm Krieg gibt‘s keinen Heimvorteil, schoss mir der Spruch des Obergefreiten Wolf durch den Kopf, doch niemals hätte ich erwartet, dass ich irgendwann Gelegenheit bekäme, so etwas selbst zu denken. 

Wäre ich nicht desertiert, hätte ich gewusst, was dort für ein Mist abging. Das war das Zweite, das mir durch den Kopf ging. 

Das Dritte, das ich viel später in dieser Nacht dachte, war: Wir werden es nicht überleben.